Liebe Jorinde, dieses Buch reicht die Hand, ohne wegzusehen. Ein Manifest gegen das Patriarchat ¿ für ein echtes Miteinander.
"Liebe Jorinde¿ von Mareike Fallwickl habe ich als Hörbuch gehört - ein schmales, etwa eineinhalbstündiges Format, das sich schnell erschließt, aber lange nachwirkt. Gerade diese Verdichtung macht den Text so eindringlich: Er lässt wenig Raum zum Ausweichen und zwingt dazu, die eigenen Denk- und Haltungsmuster ehrlich zu betrachten.Besonders beschäftigt hat mich die Passage rund um das vielzitierte Bild, Frauen* würden im Wald lieber einem Bären als einem Mann begegnen. Fallwickl arbeitet hier einen Widerspruch heraus, der schmerzt, gerade weil er so alltäglich ist: Männer, die sich über diese Aussage echauffieren, würden beispielsweise für ihre eigene Tochter genau das Gleiche wollen. Dieses Beispiel entlarvt das reflexhafte "not all men" nicht durch Anklage, sondern durch Spiegelung - und zeigt, wie tief patriarchale Denkmuster verankert sind, selbst dort, wo sie vermeintlich abgelehnt werden.Eine weitere große Stärke des Buches liegt für mich in der Thematisierung von Mutter*schaft - insbesondere in der Perspektive, Mutter* eines Sohnes zu sein. Fallwickl benennt klar, wie widersprüchlich und überladen diese Rolle ist: Mütter* machen im patriarchalen Blick ohnehin alles falsch, Solidarität unter Frauen* wird systematisch untergraben, und alleinerziehende Frauen* gelten als eine Art Endgegnerfigur. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, wie wichtig Mütter* dennoch in der Prägung von Jungen sind - ohne sie dabei zu Heilsbringer:innen zu stilisieren. Erziehung mit Liebe ist kein Allheilmittel. Es ist nicht die Aufgabe einzelner Mütter*, das Patriarchat zu zerstören. Diese Verantwortung darf - und muss - nicht erneut auf Frauen* abgeladen werden, sondern ist eine Aufgabe, die alle betrifft: über Generationen hinweg, unter Frauen* wie unter Männern.Gerade als Mutter eines Sohnes hat mir das Buch noch einmal vor Augen geführt, welche Denkmuster ihn eines Tages betreffen werden: "Sei stark", "sei wütend", "reiß dich zusammen". Vieles davon war mir theoretisch bewusst, aber erst durch die konkrete Verantwortung für ein Kind wurde mir klar, wie tief diese Muster wirken - und wie sehr auch Jungen und Männer unter ihnen leiden. Fallwickl macht sichtbar, dass die Gefahr nicht nur von Männern ausgeht, sondern dass Männer selbst Angst vor anderen Männern haben. Besonders perfide ist dabei die Stelle, an der thematisiert wird, warum Männer andere Männer nicht auf übergriffiges Verhalten hinweisen - aus Angst vor Konsequenzen für sich selbst. Das legt offen: Das Problem ist strukturell männlich, und genau deshalb KANN es auch nicht allein von Frauen* gelöst werden.Ich habe mich beim Hören des Buches sehr bestärkt gefühlt. "Liebe Jorinde¿ gehört für mich zu den seltenen feministischen Texten, die ernsthaft versuchen, ein Miteinander zu denken, ohne Unterschiede einzuebnen oder Gefahren zu relativieren. Der Ton ist dabei überwiegend versöhnlich und einladend, an manchen Stellen aber bewusst konfrontativ. Diese Ambivalenz hat bei mir gemischte Gefühle ausgelöst: Ich kann gut nachvollziehen, wenn man dem Text vorwirft, Männern zu sehr die Hand zu reichen. Gleichzeitig halte ich genau das für seine politische Stärke. Es ist keine Anklageschrift, kein "Man-Bashing", sondern der Versuch einer Versöhnung, ohne Verharmlosung.Gerade deshalb glaube ich, dass das Buch Männer tatsächlich erreichen kann - insbesondere jene, die sich fragen, warum das Patriarchat auch ihnen schadet, warum emotionale Vereinzelung, Gewalt und Einsamkeit männliche Themen sind. Auch für Männer, die ratlos auf Phänomene wie die "Male Loneliness Epidemic" blicken, bietet der Text einen Zugang, ohne Schuldzuweisungen, aber mit klarer Verantwortung.Sprachlich bewegt sich Fallwickl oft im Poetischen, was dem Text eine große Wärme verleiht. Die Entscheidung, das Buch als Brief an Jorinde - eine reale Person - zu schreiben, statt als Mahnung an "zukünftige Generationen", vermeidet bewusst einen bevormundenden Ton. Es entsteht kein Sprechen von oben herab, sondern ein Dialog auf Augenhöhe. Dieser formale Kniff macht den Text offen, menschlich und nahbar. An dieser Stelle tatsächlich: Danke, Jorinde, dass du existierst.Ich würde "Liebe Jorinde¿ all jenen empfehlen, die bereit sind, sich ernsthaft mit patriarchalen Strukturen auseinanderzusetzen - unabhängig vom eigenen Geschlecht. Weniger geeignet ist das Buch für Menschen, die aktuell keinen Raum für Versöhnung oder Dialog sehen oder sehen wollen, was ebenfalls legitim ist. Für mich ist es weder klassisches politisches Essay noch persönlicher Brief oder reiner Aufruf, sondern ein Manifest der Verbundenheit: ein Plädoyer dafür, das Patriarchat als gemeinsames Problem zu begreifen - und ihm gemeinsam etwas entgegenzusetzen.- 4,5 Sterne