Die lebendige Osterstimmung Neapels schafft eine starke Atmosphäre, während der Fall selbst bis zum Schluss immer neue Wendungen bereithält.
Es ist Osterzeit in Neapel und die wichtige Karwoche ist angebrochen. Sofort werde ich in die österliche neapolitanische Stimmung hineingezogen und die erneute Begegnung mit Commissario Gaetano ist erst einmal entspannt. Denn Gaetano hat Urlaub und den möchte er in dem Bauernhaus, das seine Eltern ihm und seinem Bruder hinterlassen haben, verbringen. Dort wohnt seine hochschwangere Nichte Carla mit ihrem Mann Michele. Zum Osterwochenende möchte sie heile Familie spielen, denn auch Gaetanos Bruder Aniello, der nach einem Unfall pflegebedürftig ist, lebt mittlerweile ebenfalls auf der Tenuta.Alles könnte so schön sein, wenn Beppa Bellucci, Gaetanos junge Kollegin, nicht anrufen würde, um mitzuteilen, dass sie einen Toten aus dem Hafenbecken gefischt hat. Und den Fall kann und will Gaetano Beppa nicht alleine überlassen, denn die Fischerstochter ist stets überambitioniert und noch grün hinter den Ohren.Und so werde ich in einen Kriminalfall hineingezogen, der auf den ersten Blick eindeutig wirkt. Alles passt zu einem Selbstmord. Noch ein paar Informationen sammeln, den Fall abschließen und dann endlich Ostern feiern.Doch recht schnell wird klar, irgendwas passt nicht zusammen. Spätestens als die kleine Franca, die Tochter des Toten, aus dem Nähkästchen plaudert, keimen in Gaetano Zweifel auf. Ihre Worte deuten an, dass mehr dahintersteckt als ein Suizid, und plötzlich wirkt der Fall nicht mehr so eindeutig. Doch wie zuverlässig ist diese junge Zeugin wirklich und was hat das alles mit der Firma zu tun, in welcher der Tote gearbeitet hat und welches das führende Unternehmen beim Verkauf von ganz besonders tollen Algenprodukten ist?Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl besticht durch die besondere Mischung aus persönlicher Ermittlungsarbeit und neapolitanisch-gesellschaftlichem Hintergrund. Besonders die Osterzeit spielt hier eine große Rolle und ich finde es spannend zu sehen, wie wichtig den Neapolitanern unter anderem die Prozessionen und die traditionellen Speisen sind. Gleichzeitig zeigt Fabio Nola sehr feinfühlig, wie familiäre Erwartungen, wirtschaftlicher Druck und gesellschaftliche Probleme ineinandergreifen. Gerade weil der Tote in manchen Punkten ein Leben geführt hat, das Gaetano nur allzu gut kennt, kann er sich in dessen Lage hineinfühlen, ohne dabei den Fokus zu verlieren.Abgerundet wird Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl durch den interessanten Schreibstil. Dieser ist eine gelungene Mischung aus situationsbezogenem Humor, lebendig beschriebenen Wahrnehmungen und dem Talent, eine immer zur Szene passende Atmosphäre zu erschaffen. Besonders die Dialoge, die gerne mal vor Sarkasmus triefen, und die Situationskomik gefallen mir gut. Was ich ebenfalls mag, ist, dass hier viele neapolitanische Ausdrücke mit in die Geschichte einfließen. Aus dem Kontext kann ich sie gut in ihrer Bedeutung ableiten, aber es gibt am Ende des Buches auch ein Glossar.Dank des personalen Erzählers bin ich ausschließlich an Gaetanos Seite, was mir aber dennoch Perspektivwechsel ermöglicht. Ich habe Gaetano schon seit Band 1 ins Herz geschlossen. Denn er ist kein klassischer Held, sondern ein Charakter, der öfter mit sich und dem bestehenden polizeilichem System ringt. Sein Vorgesetzter möchte den Fall lieber im Sinne der Firma und des Staatsanwaltes abschließen, um den Ruf zu wahren. Doch Gaetano spürt, dass hier etwas nicht stimmt, und weigert sich, eine bequeme Wahrheit zu akzeptieren.Beppa hingegen ist übereifrig, starrsinnig und möchte am liebsten mit dem Kopf durch die Wand. Jetzt hat sie ihren ersten eigenen Fall und ich mag, dass Gaetano ihr zur Seite steht und ihr zuhört, wenn es sonst niemand macht. Gleichzeitig bremst er sie, bevor sie sich in einen noch größeren Schlamassel manövriert. Die beiden wachsen hier zu einem richtig guten Team zusammen. Aber auch die Nebenfiguren haben eine besondere Charaktertiefe und es fühlt sich durchgängig so an, als würde ich echten Menschen begleiten.Obwohl Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl zu Beginn ruhig anfängt, entwickelt sich dieser Krimi schnell zu einem vielschichtigen und nicht leicht zu durchschauenden Fall. Ich begleite Gaetano privat, sehe die Herausforderungen seiner Nichte, die ihren pflegebedürftigen Vater zu sich holt, und erlebe, wie ihr Mann versucht, der Familie ein sicheres Auskommen zu ermöglichen. Gleichzeitig erschweren Sabotageversuche seines Vorgesetzten die Ermittlungen, sodass Gaetano heimlich weiterforschen muss, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Und all das eingebettet in die besondere Osterzeit Neapels, die den Menschen dort unglaublich wichtig ist. Immer wenn ich denke, jetzt weiß ich, wie es sich weiterentwickeln wird, kommt die nächste überraschende Wendung. Nichts ist wirklich so, wie es auf den ersten Blick scheint, und das macht Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl zu einem tollen Leseerlebnis.Eine sehr große Empfehlung ist das Hörbuch. Peter Lontzek gelingt es mit seiner Stimmvielfalt und den mit Inbrunst gesprochenen neapolitanischen Ausdrücken, mich in die beschriebene Welt hinauszukatapultieren. Besonders die Dialoge kommen hier richtig gut zur Geltung.Im Übrigen lässt sich Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl ohne Vorkenntnisse zum ersten Band lesen. Die Fälle sind in sich abgeschlossen und damit selbstständig lesbar.Fazit:Ein Krimi, der mich mit seinem vielschichtigen und emotionalen Fall komplett gepackt hat. Die lebendige Osterstimmung Neapels schafft eine starke Atmosphäre, während der Fall selbst bis zum Schluss immer neue Wendungen bereithält.