In der Alltäglichkeit entfaltet sich ein bewegender sprachlich gekonnter Entwicklungs- u. Gesellschaftsroman.
Dieser Roman von Kristine Bilkau hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 gewonnen. Zu recht, wie ich selbst nun erlesen habe. Ein sensibles Buch über Emotionen und über das Geschäft mit dem Klima. Der Roman kommt nicht laut daher, sondern ruhig, eindringlich und kurz. Dabei erzählt sie, was aus unseren Kindern wird, wenn sie mal groß sind und was sie tun in dieser unfreundlichen Welt. Ist die Fürsorge einer Mutter zu viel für die Freiheit einer Tochter? Die Ich-Erzählerin Annett, Ende 40, Bibliothekarin der Stadtbibliothek einer Kleinstadt an der Nordsee hat vor 20 Jahren ihren Mann verloren. Ihre Tochter Linn hat sie allein großgezogen. Diese hatte große Träume und ist nach dem Abitur als Umweltvolontärin in schwedischen und rumänischen Wäldern für Aufforstungsprojekte um die Welt gezogen. Die Mutter hatte große Erwartungen und war stolz. Doch dann Kreislaufzusammenbruch, auf einer Tagung kippt Linn um. Annett gibt ihr für eine Woche ein altes Zuhause am Meer und es werden immer mehr Wochen. Die Tochter ist auf Sinnsuche mit Antriebslosigkeit. Dabei gibt es Konflikte zwischen den zwei Generationen und die Mutter muss sich an die neuen Linn gewöhnen, die nun beim Bäcker arbeitet.Zwischenmenschlich bietet das Buch viel. Es geht um Verantwortung der Mutter um die Tochter und dem Blick auf das Kind mit der Projektion der eigenen Ängste und unerfüllten Wünsche. Soll man seine selbst nicht erreichten Ziele und Ideale auf die Kinder abwälzen? Dabei wählt Bilkau genau die richtigen Worte und Dialoge damit sich um jemanden zu sorgen. Gleichzeitig haben doch beide die Sehnsucht nach einem alternativem Lebensmodell, auch wenn Annett sicherheitsbewusst an die Karriere von Linn denkt. Zwischendrin gibt es noch neue Nachbarn in Form von zwei Frauen und einem Mann im Nachbarhaus der Mutter, die ein selbstbestimmtes Leben führen wollen zwischen Haushaltsauflösungen und Fernstudium. Auch dieses Konzept der drei lässt die Mutter ihr Leben überdenken. Die innere Stimme, die imaginär vom früheren Mann Johan kommt, und so viel besonnener und bedürfnisorientierter für die Tochter ist, geben dem Roman auch neue Schwingungen für eine Entwicklung. Bei der Geschichte wusste ich zuerst nicht, wohin sie führt, aber sie wird ausgearbeitet zu Verständigung zwischen den Generationen und einer gestärkten Mutter und Tochter. Die Krise der Tochter wird selbst nochmal zu einer Chance für die Mutter, die neugieriger aufs Leben blickt und sich eine gute Zukunft mit Linn vorstellen kann. Ein kurzes Werk was ich schnell gelesen habe, weil es zwar nicht schnell ist, aber sich gekonnt entfaltet auch mit Naturbeschreibungen und der zunehmenden Bedrohung der unbarmherzigen Leistungsgesellschaft.