Ein Roman, der emotional berührt und zum Nachdenken über Verantwortung, Grenzen und Würde im digitalen Zeitalter zwingt.
Inhalt: Sherry landet in einem Programm für strafauffällige Jugendliche in der Sächsischen Schweiz. Dort kennt sie niemand - ein ungewohntes Gefühl für ein Mädchen, dessen Leben bislang komplett öffentlich war. Seit ihrer Kindheit haben ihre Eltern jeden Schritt, jedes Detail ihres Alltags in sozialen Medien geteilt. Kann Sherry in dieser neuen Umgebung endlich lernen, einfach nur sie selbst zu sein?Mein Leseeindruck: Das Buch thematisiert ein hochaktuelles und zunehmend dringliches Problem unserer Zeit. Familien, die ihr gesamtes Leben, insbesondere das ihrer Kinder, ungefiltert im Netz preisgeben. Es regt dazu an, über die Folgen dieser dauerhaften Öffentlichkeit nachzudenken. Über die Gefahren, die daraus entstehen, über den Verlust von Privatheit und Würde und über eine Kindheit, die nicht aus spontanen Momenten, sondern nach Skript, Reichweite und Erwartungsdruck verläuft.Die Geschichte wird aus Sherrys Perspektive während ihres Aufenthalts im Programm erzählt, unterbrochen von Rückblenden in Form von Family-Vlogs mit den dazu gehörigen Kommentaren aus ihrer Vergangenheit. Gerade diese Rückblenden sind schwer auszuhalten. Sie zeigen gnadenlos, wie Sherry der ganzen Welt präsentiert wird: ihre Wutanfälle, Krankheiten, Trauer, Misserfolge, ihr Körper und sogar intimste Details wie ihr Zyklus. Ohne Möglichkeit, sich zu wehren. Ohne Schutz ihres Innersten. Das Buch macht schmerzlich deutlich, wie ein Kind zum Content wird, zum Projekt und Clicklieferanten statt zu einem Menschen mit Rechten, Gefühlen und Grenzen.Mit der Aufnahme in das Programm öffnet sich Sherry eine völlig neue Welt. Echte Freundschaften, die nicht auf gekaufter Nähe oder Fame beruhen, und Zuneigung, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Doch dieser neue Anfang fällt ihr schwer. Die jahrelange Erfahrung, ständig beobachtet, bewertet und verwertet worden zu sein, hat tiefe Spuren hinterlassen. Vertrauen zu fassen und den Gedanken zuzulassen, um ihrer selbst willen gemocht zu werden, ist für sie ein Schritt voller Angst, aber auch voller Hoffnung.Das Buch öffnet die Augen dafür, welche seelischen Wunden ein Leben in permanenter Öffentlichkeit hinterlassen kann, besonders bei Kindern, die nie die Chance hatten, über ihre eigene Privatsphäre zu bestimmen. Gleichzeitig macht das Buch auch Mut. Denn Sherrys Entwicklung beweist, dass Heilung möglich ist, wenn man endlich gesehen wird und zwar nicht als Content, sondern als Mensch.Fazit: Ein Roman, der wichtige Fragen stellt, emotional berührt und zum Nachdenken über Verantwortung, Grenzen und Würde im digitalen Zeitalter zwingt.