
Wer fühlt sich berufen, über was zu sprechen? Situiert zu sein ist Bedingung dafür, wahrnehmen und handeln zu können. Doch dürfen nur diejenigen, die auf eine bestimmte Weise situiert sind, Position beziehen? Bei der Beantwortung dieser Frage kommt der Phänomenologie eine besondere Bedeutung zu, weil »Situation« zu ihren Grundbegriffen gehört. Heidegger und Sartre, Beauvoir und Merleau-Ponty haben ihn eingesetzt, um den Horizont der Möglichkeiten des erfahrenden Ichs zu beschreiben. Thomas Bedorf schließt daran an und entwickelt ein neues, differenzphilosophisches Verständnis von Situiertheit. Es führt zu einer politischen Phänomenologie, die den Raum zwischen Sprechposition und Gesprochenem neu konfiguriert - gegen gewisse Tendenzen in den aufgeheizten Debatten um Standpunkte und Privilegien. Ein hochaktuelles Buch.
Besprechung vom 19.03.2026
Quer zu den Fronten der Identitätsdebatte
Wer reden darf und wer nicht: Thomas Bedorf entwickelt eine politische Phänomenologie
Manchmal verdichtet sich politische Geschichte in einem Halbsatz. So am 19. Februar 1919, als Marie Juchacz als erste Frau das Rednerpult der Weimarer Nationalversammlung betritt und mit den Worten beginnt: "Meine Herren und Damen!" In dieser nüchternen Verdrehung der Konvention vollzieht Juchacz eine phänomenologische Lektion en miniature: Sie macht die stille Voraussetzung ihrer Rede - die erdrückende männliche Mehrheit im Saal - zum Thema. Aus formaler politischer Teilhabe wird mit einem Mal die Frage der Repräsentation. Sind Rechte schon Repräsentation? Oder beginnt letztere erst dort, wo Sprechpositionen erlangt werden?
Heute ist aus dieser Frage ein Dauererregungszustand geworden. Wer darf wo, über wen, und in welchem Ton sprechen? Man kennt die ritualisierten Empörungsrunden, die selten etwas klären. Thomas Bedorfs neues Buch "Bodenlos situiert" wählt einen anderen Zugang. Es will phänomenologisch untersuchen, was politisches Sprechen und Handeln überhaupt trägt. Das gelingt, weil sich der Autor angesichts seines äußerst politisierten Untersuchungsgegenstands "normative Abstinenz" auferlegt hat.
Bedorfs Grundunterscheidung hierbei: Situiertheit und Positionierung. Situiertheit ist das Unentrinnbare - das Hineingeraten in eine Welt aus historisch sozialen Vorprägungen, in der Macht und Wissensordnungen schon vorhanden sind, bevor man selbst ein Wort gesagt hat. Positionierung ist das Gegenstück: der Versuch, aus dieser Lage heraus Haltung zu gewinnen. Dazwischen öffnet sich eine situative Differenz - ein Zwischenraum, in dem politischer Handlungsspielraum entsteht.
Anschaulich wird das dort, wo Situiertheit unsichtbar bleibt. Der weiße, männliche Redner, der ans Podium tritt und von "nirgendwo" spricht - nicht, weil er ortlos wäre, sondern weil sein Ort als unmarkierter Standard mitläuft. Bedorf zeigt, wie diese Unsichtbarkeit nicht nur die Wahrnehmung der Anderen prägt, sondern auch die Selbstwahrnehmung. Die Pointe: Wer sich für den Normalfall hält, kann seine Voraussetzungen nicht ohne Hilfe und Perspektiven von "Anderen" klären. Der "Andere" ermöglicht mir, phänomenologisch gesprochen, eine mir unzugängliche Zweite-Person-Perspektive.
Die klassische Phänomenologie - von Husserl bis Merleau Ponty - hat die menschliche Fähigkeit, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, einst als Vermögen beschrieben, als "Ich kann". Bedorf konfrontiert dieses Ideal mit Einsprüchen: Frantz Fanon, Iris Marion Young und andere zeigten, dass dieses Vermögen keineswegs universal ist. Für viele lautete die Erfahrung "Ich kann nicht" - nicht deswegen, weil der Körper versagt, sondern weil die Welt die Möglichkeit verweigert. So entsteht bei Bedorf ein begriffliches Instrumentarium, das strukturelle Diskriminierungen ernst nimmt, ohne aus ihnen absolute Wahrheitsansprüche oder ausschließliche Rederechte abzuleiten.
Konsequent verlegt Bedorf politische Positionierung in den Körper. Haltung ist für ihn nicht bloß Metapher, sondern leibliche Praxis. Eine politische Haltung, so die These, entsteht nicht darin, sich aufzurichten und die Brust rauszustrecken, sondern ist eine Praxis des Sichtbarwerdens. Bedorf führt zwei bekannte Beispiele politischen Protests an. Den "Standing Man" der Gezi Proteste, Erdem Gündüz, der 2013 durch regungsloses Verharren und Nichtstun auf dem Taksim Platz die Staatsmacht irritierte; und die "Sitting Woman" Rosa Parks, die 1955 im Bus von Montgomery den Platz nicht räumte und so die rassistische Ordnung sichtbar machte - ohne Parole, sondern durch Präsenz.
Die Haltung unterscheidet sich von der Pose durch ihr reflexives Bewusstsein. Damit meint Bedorf eine eingeübte, leiblich verankerte Selbstvergewisserung, die Distanz zur eigenen Situiertheit schafft - eine "überlegte Wahl", die sich nicht in Attitüde erschöpft. Bedorf knüpft dafür an den aristotelischen Begriff der hexis an - der eine eingeübte, durch Praxis gefestigte Haltung bezeichnet - und grenzt diesen deutlich vom unbewussten Habitus bei Bourdieu ab. So entsteht ein Begriff körperlicher Handlungsfähigkeit, die zur Nachahmung anstiftet und ein "fragiles Wir" ermöglicht.
Die politische Konsequenz: Freiheit gibt es nicht als abstrakten Vorrat, sondern nur situativ, als Antwort auf Ansprüche, die uns miteinander treffen. Frei ist man mit anderen, nie ohne sie. Damit setzt sich Bedorf vom libertären Reflex ab, Freiheit als Wahl zwischen Optionen zu denken, als stünden die regalfertig bereit. Bei ihm ist Freiheit eine verantwortungsvolle Positionierung in einem offenen, aber keineswegs leeren Raum.
Philosophisch knüpft Bedorf an Emmanuel Lévinas, Jacques Derrida und insbesondere den kürzlich verstorbenen Bernhard Waldenfels und seine "responsive Phänomenologie" an (F.A.Z. vom 28. Januar). Die eigene Positionierung ist bei ihm Teil eines Geschehens, in dem wir auf Andere zu antworten suchen. Was oft als Relativismus der Postmoderne missverstanden wurde, bedeutet hier schlicht, dass wir keine Alleinherrscher sind, auch - und gerade - in Bezug auf uns selbst.
Zu Bedorfs Stärken gehört, dass er die Frontstellungen der Identitätsdebatte hinter sich lässt. Zwischen universalistischer Nivellierung auf der einen und identitärer Selbstverabsolutierung auf der anderen Seite zieht er eine dritte Linie: situiert, aber nicht determiniert. Hier zeigt sich der Wert der phänomenologischen Methode: sie verschiebt Beobachtungsroutinen - weg von Idealisierungen der Repräsentation, hin zur Selbstbeobachtung der Bedingungen, unter denen wir überhaupt politisch sprechen können.
Doch man könnte einwenden, dass Bedorfs Konzept der Haltung als Form politischer Sichtbarkeit ausgerechnet in der Gegenwart an eine Grenze stößt. Schließlich bröckeln die Grundlagen politischer Freiheit seit Jahrzehnten. Analoge öffentliche Räume? Veröden. Vermittelnde Institutionen? Verlieren an Bedeutung. Körperliche Begegnungen? Werden rar. Entzieht eine Gegenwart, der der gemeinsame Halt abhandenkommt, einer "Politik der Positionierung" nicht den Boden unter den Füßen?
Dass Bedorf diesen Zweifel nicht ausräumen kann, macht die Lektüre nicht weniger wertvoll. Er hat zwar kein Entlastungsnarrativ im Angebot und auch keine große Zeitdiagnose. Dafür bietet er etwas, womit man sich nach der Lektüre selbst an phänomenologischen Beobachtungen versuchen kann: eine Heuristik des politischen Sprechens und Handelns. Mit ihr kann man erkennen: Körper machen auch heute noch Situiertheiten sichtbar. Etwa als voriges Jahr die Abgeordnete Hanna Steinmüller mit ihrem Säugling im Tragetuch ans Rednerpult des Bundestags trat. Eine Geste, die auf den weiterhin geringen Frauenanteil im Bundestag verwies. FABIAN ENDEMANN
Thomas Bedorf: "Bodenlos situiert". Eine politische Phänomenologie.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
240 S., br.
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