Gruselig, atmosphärisch, melancholisch, poetisch - sowas hab ich noch nie gelesen. Nichts für schwache Nerven.
Meine Mädels haben mir dieses Buch immer wieder empfohlen und irgendwann gab es einfach kein Entkommen mehr. Ehrlich gesagt wusste ich vor dem Lesen nur zwei Dinge über die Geschichte: Es geht um Dark Academia und um Botanical Horror. Vor allem mit Letzterem konnte ich anfangs gar nicht so viel anfangen, da ich dieses Subgenre bis dahin noch nie auf dem Schirm hatte. Was mich dann nach dem Aufschlagen erwartete, war eine Geschichte, die sich absolut jeder klassischen Schublade entzieht. Sie ist poetisch, melancholisch, stellenweise zutiefst verstörend und gleichzeitig auf eine ganz bizarre Art wunderschön.Die Handlung entführt uns an die düstere Wickwood Academy, wo der ruhige und schüchterne Andrew unheimliche Märchen voller Dunkelheit und Schmerz schreibt. Sein bester Freund Thomas ist Künstler und zeichnet die Monster aus Andrews Geschichten, bis diese plötzlich bittere Wirklichkeit zu werden scheinen. Während tagsüber der ganz normale Wahnsinn aus Mobbing, extremem Leistungsdruck und den düsteren Geheimnissen des vergangenen Schuljahres auf den beiden Jungen lastet, müssen sie nachts gegen Wesen kämpfen, die eigentlich nur auf dem Papier existieren dürften. Doch je tiefer Andrew in die beängstigenden Geschehnisse eintaucht, desto unsicherer wird er sich, was überhaupt noch real ist und was längst seiner eigenen, übersteigerten Fantasie entsprungen sein könnte.Was mich von der ersten Seite an restlos begeistert hat, war die dichte Atmosphäre. Dieses Buch lebt und atmet durch sein Setting. C.G. Drews erschafft eine gotische Akademie mit dunklen Fluren und Wäldern voller unheimlicher Pflanzen und Kreaturen. Das Besondere daran ist die Sprache, die sich oft eher wie düstere Poesie als wie ein klassischer Roman liest. Es entstehen Bilder im Kopf, die gleichzeitig wunderschön und zutiefst verstörend wirken. In diesem Zuge gehören die Monster definitiv zu den stärksten Elementen des gesamten Romans. Jedes Wesen besitzt eine ganz eigene, grausame Identität, wodurch der Grusel nie beliebig wirkt. Besonders der innovative Mix aus Body Horror und Botanical Horror hat mich fasziniert. Wenn Pflanzen, Wurzeln, Blut und menschliche Körper miteinander verschmelzen, entstehen Bilder, die ebenso abstoßend wie faszinierend sind. So etwas habe ich in dieser Form tatsächlich noch nie gelesen.Ein weiterer großer Pluspunkt sind die beiden Hauptfiguren. Andrew und der eher rebellische Thomas, der seine Gefühle in düsteren Zeichnungen verarbeitet, ergänzen sich perfekt. Ihre intensive Freundschaft und alles, was sich daraus im Laufe der Handlung entwickelt, fühlt sich verletzlich und absolut authentisch an. Auch die queere Repräsentation hat mir unheimlich gut gefallen. Andrews Asexualität wird völlig selbstverständlich und respektvoll in die Geschichte eingebunden, ohne dass sie zu seinem einzigen, definierenden Persönlichkeitsmerkmal gemacht wird.Gleichzeitig lebt die Geschichte von den vielen kleinen Hinweisen, die sich wie Brotkrumen durch den gesamten Roman ziehen. Nach und nach erfährt man als Leserin, was im vergangenen Schuljahr wirklich vorgefallen ist, weshalb Andrew kaum noch isst und welche emotionalen Päckchen beide Jungen mit sich herumtragen. Bis zum Schluss bleibt vieles rätselhaft, ehe die Geschichte in einer Wendung gipfelt, mit der ich im Leben nicht gerechnet habe.Trotz all des Lobs ist 'Don't Let the Forest In' definitiv kein leichtes Buch für zwischendurch. Der Einstieg verlangt dem Leser einiges an Geduld ab, weil die Handlung bewusst langsam erzählt wird und die bedrückende Atmosphäre oft wichtiger ist als das eigentliche Vorankommen der Geschichte. Manchmal hatte ich zudem kleine Schwierigkeiten, die Ereignisse vollständig einzuordnen oder emotional auf Distanz zu bleiben, da vieles sehr traumartig, surreal und symbolisch transportiert wird. Genau das macht zwar den besonderen Reiz des Romans aus, dürfte aber vermutlich nicht jeden Geschmack gleichermaßen treffen. Auch steht die poetische Sprache stellenweise so stark im Vordergrund, dass die eigentliche Handlung etwas in den Hintergrund rückt. Zudem hätte ich mir gewünscht, dass einige der Nebenfiguren neben Andrew und Thomas noch ein bisschen mehr Raum und Tiefe bekommen hätten.'Don't Let the Forest In' ist kein klassischer Horrorroman und auch keine typische Dark-Academia-Geschichte. Es ist eine sehr poetische, melancholische Reise durch Trauer, Obsession, Identität, Kunst und die eigenen Ängste. Wer eine actionreiche Monsterjagd erwartet, könnte hier enttäuscht werden. Wer sich jedoch auf einen atmosphärischen, ungewöhnlichen Roman mit botanischem Horror und zwei wundervoll gezeichneten Hauptfiguren einlässt, entdeckt hier etwas ganz Außergewöhnliches. Für mich war es zwar kein absolutes Jahreshighlight, aber definitiv eines der einzigartigsten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Allein wegen seines unverwechselbaren Stils und der bedrückend schönen Stimmung wird es mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben.