
Besprechung vom 13.01.2026
Und wieder Minneapolis
Wer da durch Schüsse eines ICE-Beamten starb: die Dichterin Renee Nicole Good
Auf ihrem Instagram-Konto stellte sich Renee Nicole Good als Dichterin, Mutter und "miese Gitarristin" vor. 2020 hatte sie den Studiengang Kreatives Schreiben an der Old-Dominion-Universität in Virginia abgeschlossen und war im selben Jahr für ihr Gedicht "Wie man lernt, Ferkel zu sezieren" von der Academy of American Poets ausgezeichnet worden. "Vielleicht fließt hier, zwischen Bauchspeicheldrüse und Dickdarm, der mickrige Bach meiner Seele", heißt es darin.
Eine miese Gitarristin, ein mickriger Bach ("piddly brook", wie es im Original heißt) - zweifellos handelte es sich bei der siebenunddreißigjährigen Renee Nicole Good um einen selbstironischen, humorvollen Menschen. Und schaut man sich die erschütternden Videos an, die ihren Tod dokumentieren - und man ist geneigt, ihn eine Hinrichtung zu nennen -, dann springt einen dieser Humor sofort an. Man sieht ihr Gesicht nur für einen kurzen Augenblick, aber es strahlt und lacht einen offen an. Dann versucht ein ICE-Beamter durch ihr Fenster zu greifen, Goods Frau ruft: "Fahr los!", sie schlägt das Lenkrad nach rechts ein, fährt an, ein anderer ICE-Beamter ruft "Fucking Bitch" und schießt der dreifachen Mutter aus nächster Nähe dreimal in das Gesicht, das eben noch in die Kamera gestrahlt hatte.
Der Beamte heißt Jonathan Ross. Er hat als Maschinengewehrschütze im Irakkrieg gedient, nach eigenen Angaben auch als Waffenausbilder (firearms instructor) gearbeitet, war beim Grenzschutz angestellt gewesen und seit 2016 für die Einwanderungsbehörde ICE tätig. Freunde und Familie bezeichnen ihn als christlichen Fundamentalisten und leidenschaftlichen MAGA-Unterstützer.
Der Tod der Dichterin Renee Nicole Good war also alles andere als ein Unfall oder Unglück. Jonathan Ross wusste als geübter Schütze genau, was er tat. Doch war es nicht allein die Tat eines einzelnen fanatisierten Extremisten. Wie man an den Reaktionen von Donald Trump und seiner Heimatschutzministerin Kristi Noem sieht, fand sie in einem Umfeld statt, das solche Taten nicht nur nachträglich sanktioniert, sondern von vornherein befördert. Noem und Vizepräsident J. D. Vance gingen sogar so weit, die Tat von Jonathan Ross damit zu rechtfertigen, dass er bei einem früheren Einsatz traumatisiert worden sei. Damals hatte Ross das Seitenfenster eines Fahrzeugs eingeschlagen, um es zu öffnen, und war dann etwa fünfzig Meter weit mitgeschleift worden.
Es mag Zufall sein, dass auch George Floyd vor etwas mehr als fünf Jahren in Minneapolis ermordet wurde, keine zehn Fahrminuten von dem Ort entfernt, an dem jetzt der neue tödliche ICE-Einsatz stattfand. Auch der Mord an Georg Floyd war die Tat eines einzelnen Beamten, aber auch sie war zugleich Ausdruck einer zutiefst gespaltenen, von Gewalt geprägten Gesellschaft, wie sie aktuell etwa Bernd Greiner in seinem Buch "Weißglut - Die inneren Kriege der USA" beschreibt.
Das Entsetzen auf der anderen Seite des politischen Spektrums war groß. In Minneapolis wie in vielen anderen Städten der USA kam es zu Demonstrationen, viele Menschen drückten ihre Erschütterung online aus. Der Dichter Cornelius Eady etwa schrieb: "Da kommen die Super-Cops / da kommt die Tilgungs-Truppe / ein schlafendes Virus, aufgetaut / aus einem Beutel Eis" - eine wenig subtile Anspielung auf die Behörde für Immigration and Customs Enforcement.
Renee Nicole Good, die 2020 noch Renee Nicole Macklin hieß, beschäftigt in ihrem prämierten Gedicht "Wie man lernt, Ferkel zu sezieren" ein anderes Thema: der Verlust der Kindheit, der Verlust des Geheimnisses, der Verlust von Spiritualität. "Ribosom / endoplasmatisches Membransystem / Milchsäure / Staubblatt" treten für das lyrische Ich, das lernt, Ferkel zu sezieren, an die Stelle von Bibel, Bhagawadgita und die Musik der Zikaden bei Sonnenuntergang. Selbst christliche Fundamentalisten dürften nachvollziehen, dass etwas stirbt, wenn das Leben nur noch aus "Eizelle und Spermium / und dem Ort, an dem diese beiden sich treffen", besteht, wenn die Welt durchrationalisiert und verwissenschaftlicht und der Mensch ausrechenbar wird.
Renee Nicole Good hatte gerade ihren sechsjährigen Sohn an der Schule abgesetzt, als sie von den ICE-Beamten angehalten wurde. Man wünschte sich, in diesem Fall hätten sich diese rationaler verhalten und sich nicht von ihren vom Kalkül einiger Politiker aufgestachelten Emotionen hinreißen lassen. TOBIAS LEHMKUHL
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