We Fell Apart von E. Lockhart führt zurück in die Welt von We Were Liars und verbindet sommerliche Küstenatmosphäre mit Familiengeheimnissen, psychologischer Spannung und einer Prise Romance. Auch wenn die Geschichte eigenständig funktioniert, findet man hier wieder genau diese besondere Mischung aus einem wunderschönen Setting und dem unterschwelligen Gefühl, dass hinter der Fassade etwas ganz und gar nicht stimmt.
Im Mittelpunkt steht Matilda, bei der gerade einiges schiefläuft. Ihre Mutter ist nach Mexiko verschwunden, ihre Beziehung ist vorbei und dann meldet sich plötzlich ihr Vater Kingsley Cello bei ihr, ein berühmter Künstler, den Matilda bisher überhaupt nicht kannte. Seine Einladung nach Hidden Beach ist für sie die Gelegenheit, endlich mehr über ihn und damit vielleicht auch über einen unbekannten Teil ihrer eigenen Geschichte herauszufinden. Doch als sie dort ankommt, ist von ihrem Vater keine Spur zu sehen.
Mehr möchte ich über die eigentliche Handlung auch gar nicht verraten, denn We Fell Apart ist für mich genau die Art von Geschichte, bei der man möglichst wenig wissen sollte. Schon relativ früh merkt man, dass in Hidden Beach einiges nicht zusammenpasst. Aussagen wirken merkwürdig, Fragen bleiben unbeantwortet und irgendwie scheint jeder etwas zu verschweigen.
Besonders gut gefallen hat mir deshalb die Atmosphäre. Hidden Beach besitzt auf den ersten Blick etwas unglaublich Reizvolles: Sommer, Meer und ein abgeschiedenes Anwesen an der Küste. Gleichzeitig ist das Haus verwahrlost und alles hat einen leicht morbiden, beinahe gotischen Unterton. Diese Mischung aus wunderschöner Sommerkulisse und unterschwelliger Bedrohung funktioniert unglaublich gut.
Dann sind da die drei Jugendlichen, denen Matilda in Hidden Beach begegnet. Ihr neu entdeckter Halbbruder Meer nimmt sie überraschend herzlich auf, während der ehemalige Kinderstar Brock und der verschlossene Tatum ihre ganz eigenen Geschichten mitbringen. Vor allem Tatum scheint alles andere als begeistert davon zu sein, dass Matilda plötzlich dort auftaucht.
Gerade diese Figurenkonstellation fand ich spannend, weil man nie so genau weiß, wie man die einzelnen Charaktere einschätzen soll. Ich habe beim Lesen immer wieder überlegt, wem Matilda vertrauen kann und wer vielleicht mehr weiß, als er zugibt. Genau dieses Misstrauen passt perfekt zur Geschichte.
Matilda selbst mochte ich ebenfalls. Sie kommt nicht nur nach Hidden Beach, um ein Abenteuer zu erleben, sondern weil sie Antworten sucht. Sie möchte wissen, warum ihr Vater plötzlich Kontakt zu ihr aufgenommen hat und warum er dann ausgerechnet bei ihrer Ankunft nicht da ist. Ihre Verletzlichkeit ist dabei immer wieder spürbar, gleichzeitig lässt sie sich nicht einfach mit irgendwelchen Erklärungen abspeisen.
Der Schreibstil von E. Lockhart liest sich angenehm und entwickelt schnell diesen typischen Sog. Die Kapitel sind eher kurz und immer wieder tauchen kleine Ungereimtheiten auf, die dafür sorgen, dass man doch noch ein Kapitel weiterlesen möchte. Gerade weil lange unklar bleibt, was tatsächlich hinter allem steckt, konnte mich die Geschichte immer wieder zum Spekulieren bringen.
Was ich ebenfalls mochte, war, dass die Romance vorhanden ist, aber nicht die gesamte Geschichte übernimmt. Im Vordergrund stehen für mich eindeutig Hidden Beach, die Geheimnisse der Figuren und Matildas Suche nach Antworten.
Auch die Verbindung zu We Were Liars finde ich spannend. We Fell Apart spielt im selben Universum und wird als eigenständige Geschichte geführt. Man muss die vorherigen Bücher also nicht zwingend gelesen haben, um Matildas Geschichte zu verstehen. Wer die Welt allerdings bereits kennt, dürfte an einigen Verbindungen zusätzlichen Spaß haben. Dabei würde ich persönlich tatsächlich empfehlen, die vorherigen Bücher zuerst zu lesen, da We Fell Apart Spoiler zu den ersten beiden Geschichten enthalten kann.
Am meisten konnte mich letztendlich dieses ständige Gefühl überzeugen, dass niemand die ganze Wahrheit erzählt. Man entdeckt gemeinsam mit Matilda immer mehr kleine Hinweise, stellt Theorien auf, verwirft sie wieder und fragt sich die ganze Zeit, was in Hidden Beach eigentlich passiert. Gleichzeitig liegt über allem diese sommerliche, melancholische und leicht unheimliche Atmosphäre, die sehr gut zu E. Lockharts Geschichten passt.
We Fell Apart ist für mich ein atmosphärischer Mystery-Thriller über Familie, Zugehörigkeit, Geheimnisse und all die Lügen, die Menschen erzählen, um etwas zu schützen oder zu verbergen. Besonders die Kombination aus dem heruntergekommenen Haus am Meer, den undurchsichtigen Charakteren und der psychologischen Spannung hat mir gefallen. Wer We Were Liars mochte und wieder eine Geschichte sucht, bei der hinter einer wunderschönen Sommerfassade etwas Dunkles lauert, sollte sich We Fell Apart definitiv anschauen.
Von mir bekommt We Fell Apart 4 von 5 Sternen.