Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Michael Hugentobler legt einen Roman vor, der seinesgleichen sucht. Ich bin absolut fasziniert von dieser Familiengeschichte, die man auch Familientragödie oder Familienkomödie nennen könnte. Alles Arten von Unterhaltung, die gesammelt in einem einzigen Buch köstlich zu lesen sind, manchmal erschüttern und oft sprachlos machen. Hugentobler hat schon die ganze Welt bereist, er lässt seine Leser teilhaben an einer Fülle von Eindrücken, jeden beschreibt er, als hätte er ihn persönlich und genauso erlebt. Der Verlag vergleicht Hugentobler in seiner Ankündigung mit Mariana Leky und Nelio Biedermann, Vea Kaiser und John Irving. Dem stimme ich nach der Lektüre vorbehaltlos zu. Wobei ich insbesondere den Vergleich mit John Irving sehr treffend finde, vielleicht liegt es an den Bären oder an den Charakterstudien?
Auf dem Cover sieht man eine Familie, die offenbar in recht wilder Umgebung lebt und nicht besonders reich aussieht. Der Roman stellt sie uns vor, lässt sie zu lebendigen Menschen werden und mir sind sie irgendwie ans Herz gewachsen, so seltsam sie sich auch verhalten.
Worum geht es? Die deutsche Familie Lieber dem Namen nach jüdischen Ursprungs wandert Anfang des 20. Jahrhunderts aus, lässt sich in der Schweiz nieder und wartet (vergeblich) auf die Einbürgerung. Die vier Geschwister Belle (Isabelle), Cob (Jacob), Anne (sie heißt wohl so) und Elfie (Elfriede) empfinden die Schweiz als zu eng, zu wenig anheimelnd. Drei wandern aus und versuchen ihr Glück in der Ferne, Mamme Lieber (die Mutter) bleibt mit dem todkranken Vater zurück. Belle findet nach ihrer verlorenen Jugendliebe aus Deutschland, Baron Hirsch (Baron ist sein Vorname, kein Adelstitel) einen seltsamen Mann namens Robert, und geht mit ihm nach Brasilien, dort, wo alles grünt und blüht, wollen sie ihr Glück machen, was nicht gelingt, aber es gelingt ein kleiner Sohn, Max. Cob ist ein Turntalent, er wandert nach Deutschland aus, wird Zirkusartist, und hat später arge Schwierigkeiten, das Land wieder unbeschadet mit seiner großen Liebe Mira zu verlassen. Anne hat sich für Australien entschieden und ihre rebellische Art bringt sie sehr nahe an diverse Abgründe, sie wird einen Jungen adoptieren, Pedro, das Kind von Anarchisten. Elfie, die Einzige, die in der Schweiz bleibt, arbeitet rund um die Uhr, sie ist es auch, die die Familienbande oder besser die Fäden in der Hand behält und die Verbindungen untereinander und alle Geschichten bewahrt.
Elfies Sohn Constantin Kyd wird nach ihrem Tod all die unbekannten Puzzleteile zusammenfügen wollen. Ob ihm das gelingt und was er dabei noch erfährt, das lasse ich jeden selbst lesen. Es sind viele wunderbare kleine Begebenheiten und Erinnerungen, die in diesem Buch ans Licht kommen und von Hugentobler so lesenswert beschrieben werden.
Der Autor zeichnet jeden Protagonisten mit einer leichten Feder, ich konnte mir die vier Geschwister, ihre Liebschaften, ihre Kinder, ihr Glück und besonders ihr Unglück bildhaft vorstellen. Ein Buch, das ein wahres Kopfkino in Gang setzt, nicht nur mit zahlreichen Personen, ihren Gefühlen und Gedanken, sondern auch mit den Farben und Gerüchen der weiten Welt. Sei es der Urwald von Brasilien oder Sydney oder Rorschach, ich fühlte mich mittendrin.
Fazit: absolut lesenswert, wenn einem die Bücher der im ersten Absatz genannten Schriftsteller gut gefallen. Allen anderen gebe ich auch eine Leseempfehlung, vielleicht ist es Neuland, aber das betreten Hugentoblers Protagonisten ja auch.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.