Ein richtig gutes, wichtiges Buch darüber, wie sich Armut in Deutschland anfühlt
Miriam Davoudvandi schreibt sehr verständlich, direkt und ohne jedes akademische Gehabe. Das Buch liest sich leicht, obwohl das Thema alles andere als leicht ist. Es ist aufklärend, ohne belehrend zu wirken, und auch immer wieder humorvoll, ohne irgendetwas kleinzureden.Besonders gelungen fand ich auch den Aufbau. Die Kapitel sind nach Lebensbereichen gegliedert, etwa Armut und Schule, Armut und Essen, Armut und Freizeit oder Armut und psychische Gesundheit. Dadurch wird total greifbar, dass Armut eben nicht nur bedeutet, wenig Geld zu haben. Sie wirkt in alle Bereiche des Lebens hinein. In Freundschaften. In Beziehungen. In Gesundheit. In das Gefühl, dazuzugehören oder eben nicht.Miriam Davoudvandi berichtet auch aus ihrem Leben und zeigt unglaublich authentisch nicht nur, was Armut im Moment mit Menschen macht, sondern auch, was davon bleibt, selbst wenn man später vielleicht gar nicht mehr arm ist. Diese Scham. Diese Denk- und Verhaltensmuster. Dieses ständige Mitdenken, Mitrechnen, Kleinmachen. Das verschwindet eben nicht einfach mit dem ersten eigenen Gehalt.Das Buch hat mir nochmal sehr deutlich gemacht, warum soziale Ungleichheit für mich eines der wichtigsten Themen in meinem Sowi-Unterricht ist und so relevant bleibt. Manche meiner Schüler*innen sind von diesen Lebenswelten meilenweit entfernt, für andere sind sie direkte Realität. Umso wichtiger, dass solche Bücher auch von denen gelesen werden, die nicht selbst betroffen sind.Nicht jede Erkenntnis darin völlig neu. Aber das macht sie nicht weniger wichtig. Im Gegenteil. Miriam Davoudvandi legt den Finger sehr tief in die Wunde eines Systems, das Menschen in Armut oft nicht auffängt, sondern zusätzlich beschämt und klein hält.Und ja, beim Lesen dachte ich immer wieder: Genau deshalb muss Resilienzförderung eigentlich viel früher ansetzen. Bei Kindern. In Schulen. In Strukturen. Wenn wir wollen, dass daraus starke, mental gesunde Erwachsene werden, dann reicht es nicht, später Symptome zu bearbeiten. Es dürfte Armut in Deutschland schlicht nicht geben.Für mich ist das ein sehr lesenswertes, wichtiges und richtig gut geschriebenes Buch, das nicht nur erklärt, was Armut ist, sondern vor allem, wie sie sich anfühlt.