
Besprechung vom 14.02.2026
Sykofantasia
Unsternstunde: Die zweite Inauguration des Präsidenten Donald Trump
Von Armin Thurnher
Es ist zu kalt für eine Zeremonie im Zelt an diesem 20. Jänner 2025, und der neobarocke Ballroom ist noch nicht erbaut. So sitzen und stehen sie eng aneinandergedrängt in der Rotunde des Capitol, die ehemaligen Präsidenten, die erstmals zu so einer Zeremonie eingeladenen ausländischen Gäste, vor allem Faschisten, deren Namen mit M anfangen, Milei aus Argentinien und Meloni aus Italien, aber auch französische und spanische Rechtsextreme (die deutschen von der AfD, Herr Chrupalla und Frau von Storch, dürfen aus Platzmangel die Zeremonie nur draußen per Video genießen), die in Lakaien verwandelten Höchstrichter, die Boxer, Wrestler und rechten Influencer, die Popstars und die Profischausteller von TV-fähigem Religionskitsch (der muslimische Darsteller wurde wieder ausgeladen, als proisraelische Gruppen sein Lob der Hisbollah publik machten), die Moderatoren rechten Bössinns aller Arten. Da stehen auch sie, die Tycoons aus dem Silicon Valley und von sonst wo. Kaum einer fehlt, außer Bill Gates, aber - make no mistake - bezahlt hat auch er. Die Liste der Spender liest sich wie ein erweitertes Inhaltsverzeichnis dieses Buchs. Je eine Million Dollar kam von Sam Altman/OpenAI, Mark Zuckerberg/Meta, Jeff Bezos/Amazon Prime Video, Tim Cook/Apple, Sundar Pichai/Alphabet, Dara Khosrowshahi/Uber, von Perplexity, Adobe und wie sie alle heißen, von der Ford Motor Company, General Motors, Toyota, Chevron, Hyundai, von Stellantis, Goldman Sachs, der Bank of America, von JPMorgan, Kraken, Coinbase, Intuit, Robinhood, Ken Griffin, Ripple und Ondo Finance, von AT&T, Comcast, Charter Communications, von PhRMA, Pfizer, Hims & Hers, von Black & Decker, Pratt Industries, Boeing, Lockheed Martin, Delta Air Lines, McDonald's und vielen mehr. Elon Musk muss nicht eigens erwähnt werden, der hat schon im Wahlkampf 250 Millionen vorbezahlt. Peter Thiel und Curtis Yarvin brauchen nicht anwesend zu sein, ihr Werk kommt mit dieser Zeremonie ein Stück weiter voran. Und Larry Ellison schon gar nicht. Mit dem Oracle-Chef und Musk-Partner und mit Sam Altman wird Trump morgen den Deal verkünden, riesige Datenzentren zu bauen, und demnächst wird er ihm Tiktok rüberschieben, dessen Daten Oracle ohnehin bereits speichert. Nein, Larry muss hier nicht antreten, er ist "ein unglaublicher Mann, eine Art CEO von allem", wie ihn Trump vorstellt. Der Boss lässt die Spender aus der Tech-Branche nebeneinander Aufstellung nehmen. Ein Kamerahappen. Nur Shou Zi Chew, den Repräsentanten von Tiktok, platziert er außerhalb des Blickfelds der Objektive. Ihre Spenden reichen nicht. Durch ihr Erscheinen müssen die Moguln dem Boss und der Welt ihr Sykophantendasein offenbaren. Durch ihr Erscheinen tun sie dar, sie sind ihm untertan, ihm, den man den Mafiaboss im Weißen Haus nennt, Donald Trump. Sie zahlen ihm allein für diesen Tag zusammen 239 Millionen Dollar Schutzgeld (Livestream auf allen Plattformen inklusive). Nicht miteingerechnet die sogenannten außergerichtlichen Einigungen, die Trump je Konzern zwischen zehn und zwanzig Millionen Dollar bringen. Der Vertrag für die Biografie seiner Frau Melania bringt vierzig. Sie tun es, weil sie wissen, er kann ihre Firmen mit Regeln, Gesetzen und Steuern ärmer machen. Sie brauchen ihn, er lässt es sie spüren und lässt sie antreten. Und zahlen. Es sind eh nur Brosamen, verglichen mit der Kryptomedaille, die er zu diesem Anlass herausbringt, deren Profit allein in seine, Trumps Tasche läuft. Eine Kryptomedaille für Melania folgt. Insgesamt verdient er, ehe er noch vereidigt ist, eine halbe Milliarde Dollar. Im ersten Jahr seiner zweiten Präsidentschaft wird es allein mit Kryptowährungsgeschäften, die seine Söhne für ihn abwickeln, eine Milliarde Dollar werden. Insgesamt wächst sein Vermögen in diesem Zeitraum um vier Milliarden. Jeder weiß es, viele benennen es, keiner stoppt ihn. "Korruption auf Idi-Amin-Niveau", nennt das Anthony Scaramucci, Trumps früherer Kommunikationsdirektor und selbst Kryptoinvestor. Schwachsinn, denkt Trump, ich werfe niemanden den Krokodilen vor wie dieser ugandische Ex-Diktator. Ein blutiger Laie. Aber in einem hat Scaramucci recht. Jeder kann Trump nun direkt Geld einzahlen, von wo immer und ziemlich unüberprüfbar, und die Scheichs lassen es sich nicht zweimal sagen und zahlen ein. Die Offensichtlichkeit der Korruption, die Frechheit, mit der sich der Korrupte mit Pomp und Gloria preisen und vereidigen lässt, schwebt über dem Ganzen wie Weihrauch über einer Messe. Will da wer Dissens äußern? Den starrt der Boss nieder, mit seinem Fahndungsfotoblick, den Kopf leicht schräg gelegt. Dass die Leute eng aneinandergedrängt sitzen und stehen, ist dem Ort geschuldet, dem Ausweichlokal im Kapitol. Aber die Enge passt gut zur Stimmung. Angst und Enge hier, Triumphgeheul dort. Trump wird ein größeres Lokal bauen lassen, einen Ballroom für 999 Leute, im neofeudalen Stil seiner Nouveau-Riche-Epoche, in Mar-a-Lago-Barock. Er wird dafür ohne Federlesen mit Denkmalschutz, Baubehörden und Genehmigungsverfahren den East Wing des Weißen Hauses abreißen lassen, um seinen Protzbau zu errichten, der die Architektur dieses amerikanischen Kleinods brutalisiert. Er wird es verfügen. Er hat es schon im Kopf, wenn er die dicht Gedrängten vor sich sieht. Und er ist schlecht gelaunt, weil es den Ballroom nicht schon gibt, damit er bei dieser vielleicht letzten Gelegenheit nicht vor aller Welt glitzern kann, und vor den Fake News Media, die er verachtet und die ihm doch Publicity ohne Maß schenken, als wären sie Scheichs und ihre Öffentlichkeit eine Kryptowährung. Vielleicht ist es nicht die letzte Gelegenheit. Er hat Franklin Delano Roosevelt im Kopf, den Un-Trump, den Gegen-Trump, dessen Namen er nicht nennt, aber dessen Werk er pulverisieren will, den Sozialstaat, diesen ganzen New-Deal-Schmus, überhaupt den ganzen Staatskrempel, diese Vorschriften, die einen wie ihn nur am Kohlemachen hindern. Aber die Ausnahmeregeln, die FDR im Krieg nützte, für eine dritte und vierte Amtszeit, die könnte man doch . . . Und die Executive Orders, von denen Roosevelt Tausende herausgab, immer unter dem Vorwand der Notlage im Krieg, die wird er auch herausgeben, der Don, das ist beschlossene Sache. Und wie sagte er im Wahlkampf? Ihr müsst mich nur noch diesmal wählen, nur dieses eine Mal noch, danach werden wir schon sehen. "We'll fix it", wir werden es richten, sagte er, den sie nicht zu Unrecht König nennen und gegen den sie unter dem Slogan "No Kings" demonstrieren werden, weil sie zu wissen glauben, worauf er sinnt. Sollen sie. Er wird derweil seine Verfügungen hinausschießen, ab Stunde eins, seine Executive Orders, niemand, kein anderer Präsident wird in einem Jahr so viele hinauspulvern wie er, 142 sind es in den ersten hundert Tagen, nicht einmal FDR kann da mithalten. Neun nationale Notstände wird er behaupten, um seinen durchgedrückten Maßnahmen wenigstens den Anschein von Legalität zu verleihen. Ausnahmezustand soll, wenn nicht herrschen, so doch behauptet werden, damit er ihn beherrschen kann, breitbeinig dastehend, mit vorgerecktem Kinn. Grab them by the Notstand! Sollen sie ihn doch anklagen, er hat die Justiz unter Kontrolle, den Obersten Gerichtshof zumal, wo die von ihm hineingesetzten Richterlein buckeln. Strahlend vor Glück nimmt ihm jetzt der Oberstrichter John G. Roberts Jr. den Amtseid ab. Der hat sich schon mit Citizens United Verdienste um die Vorherrschaft der reichen Minderheit erworben und wird ihm jetzt die Stange halten und mit seiner Mehrheit all diese ersten und zweiten woken, demokratisch infizierten Instanzen overrulen. Blickt der Boss deswegen finster, weil es diese anderen Richter und Richterinnen noch gibt? Oder hat er Mike Pence gesehen, seinen alten Vize, den "wimp", den Feigling, der nicht die Eier hatte, am 6. Jänner 2021 Biden zu stürzen? Jetzt steht an seiner Stelle J.D. Vance mitten in der Trump-Familie, unter den Frauen mit den grotesken Hüten, die aussehen, als ginge es nicht um eine Präsidentenangelobung, sondern um ein Galopperderby. Vance ist bigott, loyal und radikal. Er hat Familiensinn, seine Frau ein Tradwife, seine Augen strahlend aufgerissen blau, er glaubt, er ist der Mann der Zukunft, okay, er ist Familie. Was der Boss denkt, weiß man nicht genau. Er besitzt viele Eigenschaften eines Mafiabosses. Bis auf zwei: Ehrgefühl und Diskretion. Sonst ist alles da. Schutzgelderpressung, Günstlingswirtschaft, Korruption. Und alles zeigt er und sagt er an diesem Tag, der formal nach alter Sitte abläuft, aber durch ihn und seine Sykophanten anders und ganz neu geprägt ist. "Das goldene Zeitalter Amerikas beginnt jetzt", sagt er. "Von diesem Tag an wird unser Land wieder aufblühen und weltweit Respekt genießen." Ja, er fordert Respekt. Und er zeigt Familiensinn, der gehört zu den Eigenschaften eines Bosses. Die ganze Verwandtschaft nimmt hinter dem Redner Aufstellung, jeder und jede ein strahlendes Klischee der Herzeigbarkeit, jeder und jede die Ikone eines Deals. Die Söhne stehen für Immobilien und Kryptowährung, der Schwiegersohn für Nahostpolitik und Börsendeals mit Hilfe des saudischen Staatsfonds. Fehlendes Rechtsbewusstsein umglänzt alles. Das kommt nicht aus heiterem Himmel, der Vorgänger, der unglückselige Joe Biden, hat gerade vorauseilend seinen missratenen Sohn Hunter pardoniert. Da sitzt er nun und wird vom Don ostentativ missachtet. Was brabbelt der alte Schwachkopf da? "Heute entsteht in Amerika eine Oligarchie mit extremem Reichtum, Macht und Einfluss, die buchstäblich unsere gesamte Demokratie, unsere Grundrechte und Freiheiten sowie die Chancengleichheit für alle bedroht." Das hört doch keiner mehr. Die traditionelle gemeinsame Fahrt der Präsidenten zur Zeremonie hat Trump gestrichen, denn dass er die Wahl gegen diesen Tatterer verlor, kann er weder verwinden noch zugeben. Wie sagte Roy Cohn, sein alter Consigliere? Selbst wenn du verloren hast, gib es niemals zu! Und räche dich, räche dich, räche dich. Das ist es. Aus ihm spricht unverhohlene Rachsucht. Alle Wahlen, die er verliert, sind rigged, geschoben. Das wiederholt er nicht in diesem Augenblick, aber noch am gleichen Tag vor der Presse. "Totally rigged", sagt er zu AP, zu jener Agentur, die bei der Bezeichnung "Gulf of Mexico" bleiben will und nicht die Trump'sche Version "Golf of America" akzeptiert. Mit welchem Recht? Hat nicht dieser Barack Obama den Mount McKinley erst in Mount Denali umbenannt, weil den die tumben Einwohner von Alaska immer schon so nannten? Hier sitzt Obama, ein geborener Afrikaner, wie Trump zu behaupten beliebte, aber seine Frau Michelle fehlt. Der Boss erspart sich heute die Ausdrücke, die er sonst für schwarze Frauen verwendet, "dog", "monster" und am liebsten, in Umkehrung der Lage, "racist". Heute ist ein Feiertag. Heute redet der König vornehm. Den Mount McKinley wird er sofort zurückbenennen, und die AP schließt er von seinen Pressekonferenzen aus. Er lässt sich nichts mehr gefallen, er ist hier der Boss, er nimmt Rache und genießt jeden Augenblick von Schmerz und Unterwerfung. Ja, Rachsucht ist das Gebot der Stunde. Die New York Times und den Verlag Random House wird er auf 15 Millionen verklagen, weil sie "den größten persönlichen und politischen Erfolg in der Geschichte der Vereinigten Staaten", seinen "überwältigenden" Wahlsieg über diese Hündin Kamala Harris nicht gebührend würdigten. Da sitzt sie und macht ein versteinertes Gesicht, so hat er es den Anwälten diktiert, so steht es in der Klage: "Um den weltweiten Ruf von Präsident Trump . . . fälschlicherweise und böswillig zu zerstören, beschloss die New York Times, direkt anzugreifen, was bis heute einer der bekanntesten Erfolge des Präsidenten ist - zusätzlich zu seinen jahrzehntelangen großartigen Erfolgen im Immobilienbereich, dem Gewinn der Präsidentschaft und dem erneuten Gewinn der Präsidentschaft -, seine bemerkenswerte Leistung als Star von 'The Apprentice', einer der beliebtesten Shows aller Zeiten und ein Vorreiter im amerikanischen Fernsehen. Ausschließlich dank des einzigartigen Charismas und des unvergleichlichen Geschäftssinns von Präsident Trump erzielte 'The Apprentice' Einnahmen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Dollar und blieb über dreizehn Jahre lang mit fast 200 Folgen im Fernsehen." So einen Supertypen geht man nicht an, merkt euch das! "Einzigartiges Charisma" und "unvergleichlicher Geschäftssinn", das musste er diesen Anwaltsclowns extra in die Klage hineindiktieren. Mit Nachdruck! Weil's wahr ist. Das Gericht wies die Klage schnöde ab. Den Richter wird er sich merken. Die Klage wird noch durchkommen! Überhaupt, diese Fake News Media können sich warm anziehen. Den Chef der Federal Communications Commission, Brendan Carr, wird er den Sender ABC anblaffen heißen, diesen Moderatorenclown Jimmy Kimmel aus dem Programm zu nehmen, mit den klassischen Worten vom Boss: "Wir können das auf die einfache oder die harte Tour machen!" Zölle wird er verfügen, dass es eine Lust ist, mögen die Eierköpfe an den Wirtschaftunis quietschen, die Journos klagen und die CEOs jammern, wie sie wollen. Heute genießt er allein die Art, wie er das Wort "Tariffs" ausspricht, halb höhnisch, halb schadenfreudig. Der Wall Street ist es über kurz oder lang egal, das weiß er. Der Kongress hat bei dieser Sache nichts mehr zu sagen. Was, das ist seine Autorität? Bisher vielleicht. Werden wir schon sehen. Er hat den Supreme Court unter Kontrolle. Yes Sir, Mister President, Sir. Einstweilen verfügt er, verfügt er, verfügt er. Es herrscht Notfall. Und notfalls zieht er zurück. Was, TACO nennen sie das? Trump Always Chickens Out? Das will er jetzt nicht gehört haben. Wir werden sehen, wer zuletzt lacht. Diese Behörden gehören längst gesäubert, dort steht Elon, der jubelnd die Hände in die Höhe reißt, als Trump sagt, wir werden die Flagge auf dem Mars pflanzen. Zuerst pflanzen wir aber die Beamten, wir dezimieren die Behören und schmeißen Tausende hinaus. Und üben Rache, Rache, Rache. Er ist jetzt der "oberste Verfolgungsbeamte des Landes" und hat sie alle aufgeschrieben, die Staatsanwältinnen in New York und die Comedians in Los Angeles, die Kongressabgeordneten und die Ermittlungsbeamten. Das Justizministerium braucht seinen Heiligenschein von Unabhängigkeit nicht mehr. Es hat zu tun, was der Boss sagt, und der Boss sagt, wie es ihn Roy Cohn lehrte: Lass dir nichts gefallen, räche dich. Beim FBI wird jeder gefeuert, der seinen Fall untersucht hat. Das war Majestätsbeleidigung, das Impeachment war eine Hexenjagd, und hier kommt die Rechnung. Die Freude an der Grausamkeit drückt sich allein schon in seiner Unterschrift aus, eine langsam sägende Bewegung mit breitem schwarzem Filzstift in großen, scharfen Zacken, zugleich Lustqual und Dokument, Zeichnung eines Tiergebisses an einer Höhlenwand, am liebsten würde er Schädel einschlagen, das Papier perforieren, zerfetzen, würde er es nicht noch brauchen, um es wie einen Skalp vor den Kameras in die Höhe zu heben. Rechtsstaat? Er ist jetzt der Rechtsstaat, König Ubu Trump in all seiner helllichten Willkür. Wenn die Anwaltskanzleien nicht parieren, erhalten sie eben keine Bundesaufträge mehr. Das sind keine Rechtsanwälte, das sind Profitmaschinen, Lawfirms. Gleich kriechen sie zu Kreuze. Die werden ihn noch gratis vertreten, bis die Schwarten krachen, und schon unterschreiben die, die im Geschäft bleiben wollen, alles, was ihnen die schmierigen Winkeladvokaten des Bosses vorlegen. Es herrscht nämlich Krieg. Diese geleckte Kreatur Pete Hegseth, diesen gegelten Ex-Fox-Moderator und Reserveoffizier hat er absichtlich ausgesucht und zum Verteidigungsminister gemacht, Kriegsminister heißt er jetzt. Wir werden unser Staatsgebiet ausdehnen, sagt der Boss und denkt an eine USA von Panama bis Grönland. Das Ministerium hat der Boss persönlich umbenannt, um diese selbstgefälligen Generäle zu sekkieren und der Armee die Wokeness auszutreiben. Er wird sie einberufen lassen, alle an einem Tag, zuerst Hegseth vor ihnen herumhampeln lassen und ihnen dann selbst einen Vortrag halten, wie ihm die Wahlen gestohlen wurden und wie er vorhat, sich dafür zu rächen, wie sie zu seinen Witzen lachen dürfen und nicht ihr generalisches Pokerface aufzusetzen brauchen, wenn er ihnen erklärt, dass ihr Haupteinsatzgebiet nicht die NATO, die Ukraine oder Taiwan ist, sondern die USA und vor allem die blauen demokratischen Staaten und hier wieder die Großstädte, die sich der Migranten annehmen. Yes Sir, Mister President, Sir. Wir verlangen nicht Verfassungstreue, wir wollen Loyalität, stammelt der gegelte Hegseth ihm nach. Sanctuary Cities, dass er nicht lacht! Denen schickt er vermummte ICE-Agenten, die ohne langen Prozess Illegale schnappen und außer Landes bringen. Bitte, da sitzt dieser Obama, hat der bei Guantanamo lang gefackelt? Aber nein, er ist nicht nur grausam. Ganz Boss, ganz Ubu, übt er auch Milde. Die Patrioten, die am 6. Jänner 2021 das Kapitol stürmten, die wird er begnadigen. Zu Unrecht wurden sie verurteilt, brave Bürger, bescholten vielleicht, aber nicht von ihm, dessen Aufruf sie folgten, zum Aufruhr, der nur scheiterte, weil der Feigling Pence die Gunst der Stunde nicht nutzen wollte. 1500 gehen frei, ja, auch gewalttätige Extremisten und andere Straftäter, denn der Sturm aufs Kapitol war eine Tat der Freiheit. Und Taten der Freiheit sind unter ihm straflos, und er bestimmt, was Freiheit ist. Freie Forschung und Lehre? Hängen davon ab, ob sie ihm passen. Die woken Unis, diese Brutstätten des Hasses, des Antisemitismus und der sexuellen Pervertierung Minderjähriger, müssen wieder auf Linie gebracht werden, und dazu entzieht er ihnen ganz einfach die Steuerbegünstigungen, wenn sie nicht spuren. Höhere Erziehung ist auch nur ein Extraktionsracket, und davon versteht der Boss etwas. Die Redefreiheit wird er wieder herstellen, indem er Schulbücher zensiert und dafür sorgt, dass von den Lehrstühlen herab wieder die Wahrheit verkündet wird. Gottgefällige Wahrheit nicht unbedingt, wenn sie nur ihm gefällt, dem Boss. Aber ein bisserl Gott muss immer dabei sein. Kennedy, Robert F. Kennedy, das ist ein Mann nach seinem Geschmack. So verrückt, dass seine Cousine Caroline Kennedy in einem offenen Brief seine sadistischen Neigungen schilderte, lebende Küken und Mäuse in den Mixer zu füllen, um seine Falken zu füttern. Solche Männer mag der Boss. RFK ist ein wahrer Born der Wohlausgewogenheit, an ihm wird die Nation gesunden. Weg mit den Eierköpfen und diesen lästigen Pandemie- und Impfexperten! Lasst Immunität herrschen in der Herde, solange feststeht, wer der Leitbulle ist, denkt der Boss, das bisschen Masern, an denen sie jetzt da und dort in Texas krepieren, mein Gott, Hauptsache, wir kriegen diese Impfbürokraten klein. In Florida schaffen wir die Impfpflichten alle ab, freier Gesundheitsmarkt für freie Menschen. Den Rest machen wir mit Software und Pharmaindustrie und mit RFK, schau nur, wie entschlossen der schaut, so einen Blick müssten sie alle haben, denkt der Boss zufrieden.
Steven Miller dort hat einen hohlen Blick, auch gut. Der ist loyal bis zum Abwinken, der kennt kein Zaudern. Es geht um Hausverstand, Baby, und das heißt, wir fahren jetzt mit diesen Ausländern ab. Und dafür haben wir Miller. Verfährt nach Plan des Project 2025, des schon 2023 veröffentlichten konservativen Plans reaktionärer Denker aus hundert rechten Thinktanks, angeführt von der Heritage Foundation, den zu kennen Trump bis Ende 2025 leugnete, ehe er dieses Leugnen aufgab. Es war sinnlos, denn er befolgt diesen Plan minutiös, man kann die Forderungen abhaken. Er macht Russell Vought zum Chef des Office of Management and Budget (Amt für Verwaltung und Haushaltswesen), das die Geldflüsse zu den Ämtern und Ministerien kontrolliert. Vought, dieser Oberbürokrat als Feind aller Bürokraten, guter Mann, loyal, denkt der Boss, sieht freundlich und harmlos aus und feuert gnadenlos Tausende von Beamten, Musks DOGE ist ein Amateurkreuzzug verglichen mit Voughts Systematik, drosselt und streicht Geld für unliebsame Behörden, um sie so zu garottieren. Zu viel Staat, das muss alles weg, "den Verwaltungsstaat abbauen und die Selbstverwaltung an das amerikanische Volk zurückgeben", heißt das nobel im Project 2025. Trump ist nicht nobel, er feuert gern. An seine "bemerkenswerte Leistung als Star" des Fernsehens denkt er gern zurück. Er krönte jede Show bekanntlich mit dem Satz "you are fired". Steven Miller, noch nicht einmal vierzig, bigott und gnadenlos, ist offiziell stellvertretender Stabschef und Berater des Heimatministeriums. Aber er ist mehr. Er ist die rechte Hand des Bosses, er ist der wahre Exekutor, er hält die Fäden im Justizministerium und im Heimatministerium in der Hand. Er koordiniert die Hetzjagd maskierter Agenten auf illegale und legale Ausländer. Sie können jederzeit und ohne Umstände verhaftet und deportiert werden. Er schickt die Armee in amerikanische Städte. Der Boss mag es, wie Miller agiert. Mit Vergnügen hat er gelesen, wie der Rolling Stone Miller charakterisert: "Bei internen Diskussionen stößt Miller regelmäßig Beleidigungen aus, brüllt, droht Beamten mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes oder ihrer Zukunft in der Partei und versucht, Menschen vor ihren Kollegen zu demütigen. Er gerät in Wut, wenn er das Gefühl hat, dass die Zahlen der Festnahmen von Einwanderern nicht ausreichen, oder wenn er glaubt, Trumps innenpolitische Agenda gerate auch nur geringfügig ins Stocken. In den oberen Rängen der Republikaner hat er den Ruf, alles zu sagen, alles zu tun und fast jeden zu verraten, um Trump zu dienen und seine Macht und seine Nähe zum Präsidenten aufrechtzuerhalten." Mein Mann, denkt Trump. Miller tut doch nichts, als "unsere von Gott gegebenen individuellen Rechte, frei zu leben", zu sichern, wie es im Plan steht. "Die Familie als Mittelpunkt des amerikanischen Lebens wiederherstellen und unsere Kinder schützen", verlangt der Plan. Und da steht Trump, im Glanz seiner Familie, umgeben von loyalen Männern und Frauen, und beschwört das goldene Zeitalter der USA per Eilverordnung herauf. Nun, Gott hat nicht allen das Recht gegeben, im Land of the Free zu leben und seine Segnungen zu genießen, aber ihm, und so schwört er, so wahr ihm Gott helfe.
Hinter Trump stehen die weißen Marmorstatuen von Abraham Lincoln, der die Sklaverei abschaffte, und Ulysses S. Grant, der im Bürgerkrieg die siegreiche Armee der Nordstaaten befehligte und später das Department of Justice gründete. Könnten sie es, sie würden vor Scham erröten über diesen Nachfolger, der da vor ihnen bramarbasiert, den großsprecherischen Mafioso gibt und draußen bald die Denkmäler jener Südstaatengeneräle wiedererrichten wird, die sie einst besiegten. Sie sehen, wie ihr Nachfolger der Nation und der ganzen Welt eine Lektion in neuer Moral erteilt: Aufschneiden ist besser als Bescheidenheit, Gier besser als Genügsamkeit, Rachsucht besser als Versöhnlichkeit. Sie sehen und sie hören es, und in ihrer marmornen Kühle bleibt ihnen nichts als die Hoffnung, dass der Kerl nicht alles zerstören kann, was sie aufzubauen begonnen hatten. Dass sich die amerikanische Bevölkerung von ihm nicht alles gefallen lassen wird. Verba docent, exempla trahunt, denken sie, gebildete Männer alle beide, und sie wissen nicht, was schlimmer ist, das Beispiel des Untams vor ihnen oder seine Worte. So stehen sie unbewegt durch diese ultimative Unsternstunde der Menschheit.
Der voranstehende Text ist das letzte Kapitel von Armin Thurnhers neuem Buch "Unsternstunden der Menschheit. Wie die Welt unerträglich wurde", das nächste Woche im Wiener Zsolnay Verlag erscheint.
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