Der Fluss der Zeit Pascal Mercier / Verlag : Hanser
Manche Bücher liest man nicht einfach, sie begleiten einen.
Still, fast unauffällig, und doch bleiben sie lange nach der letzten Seite im Inneren zurück. Der Fluss der Zeit ist für mich genau so ein Buch.
Fünf Geschichten, die vom Loslassen erzählen, von der Vergänglichkeit, von Erinnerung und von der Frage, wie wir mit unserer Zeit leben.
Es sind leise Geschichten, und gerade deshalb so eindringlich. Sie zeigen, wie das Leben vergeht; oft unbemerkt, manchmal schmerzhaft klar. Und sie lassen einen innehalten und über das eigene Leben nachdenken.
Was für ein Kleinod. Was für Weisheiten auf nur 112 Seiten.
Ausräumen das werden Sie machen müssen; ich will nicht mit ansehen, wie sie mein Leben hinaustragen. (Pos. 32)
Karl Prager liebt sein Haus. Und nun lässt er es los.Es fällt ihm nicht leicht. Mit einer gewissen Bestimmtheit möchte er sein Haus ein letztes Mal sehen, versucht dabei doch, die Vergangenheit festzuhalten. Er bemerkt es und versucht wieder loszulassen.
Es ist schmerzhaft, ihm zuzusehen. Wie er sein Leben, sein Haus, seine Erinnerungen zurücklässt. Diese Geschichte geht unter die Haut und bricht einem leise das Herz. #
Hier, genau hier in diesem Raum, ist das Zentrum meines Lebens (Pos. 253)
Luca Gaspari, ein angehender Pianist mit einem gebrochenen Finger, steht vor dem Verlust seiner Wohnung. Freunde kaufen sie und schenken sie ihm, damit er nur ein einziges Mal dankbar sein muss. Würde er dort kostenlos wohnen, könnte er sich verpflichtet fühlen, seine Dankbarkeit immer wieder zu zeigen. Also schenken sie ihm die Wohnung.
Sie wollten ihm Freiheit schenken.
Generosità, sagt Luca, jetzt versteht er dieses Wort.
Doch was diese Geste zwischen den Freunden auslöst, lässt sich nicht einfach abstellen. Dankbarkeit wird zur Last.
Für Luca, der sich verpflichtet fühlt, sie zu zeigen. Und für die Freunde, weil sie sie erwarten, obwohl sie das eigentlich nicht wollen.
Freiheit fühlt sich doch anders an oder? #
Du behandelst eine gefährliche Möglichkeit wie eine Wirklichkeit, eine Tatsache.
(Pos. 424)
Zeit kann rasend schnell vergehen oder unerträglich langsam.
Für Jan Winter steht sie still, während er tagelang auf den Befund seines Arztes wartet. Die Angst, die Ungewissheit, das Warten auf die Laborergebnisse lassen seine Sorgen immer größer werden.
Sein Leben wird ihm bewusster. Seine begrenzte Zeit auf Erden. Und auch das Vertrauen, in den Arzt , in das Leben, seine Intuition, wird auf den Prüfstand gestellt.
Warum nicht im Jetzt leben? Annehmen. Vertrauen. Statt zu zweifeln und zu bangen.#
Ich wollte einfach nicht denken, dass vielleicht auch in ihm Schwäche sein könnte. (Pos. 709)
Lärm kann einen wahnsinnig machen. Ein Mann erlebt ihn als gewaltig, als unerträglich und doch erträgt er ihn.
Aus Stärke. Oder aus Schwäche.
Er hält alles aus. Bis zu einem gewissen Punkt. Als Stille sein einziger Ausweg wird #
Ein Mann kehrt nach vierzig Jahren zurück nach Heidelberg. In seine damalige Wohnung. Zu den Anfängen seines Lebens. Er möchte alte Empfindungen wieder spüren, verstehen, was Zeit ist und wie er zu dem Mann geworden ist, der er heute ist.
Doch zu seinem Entsetzen erkennt er, dass das Verfließen der Zeit unumkehrbar war.
Schade, das mit der Entzauberung
(Pos. 1011).
Vielleicht sollte man die Vergangenheit ruhen lassen. Erinnerungen einfach sein lassen und sie abheften wie ein wichtiges Dokument. #
Zart, poetisch und in wundervollen Episoden erzählt Pascal Mercier vom Fluss der Zeit.
Dieses Buch drängt sich nicht auf. Es lädt ein. Es flüstert Gedanken, statt Antworten zu geben.
Ein Buch, das mich als Leserin nachdenklich zurücklässt.
Was für ein Schatz. Was für ein Geschenk