Klebrig süß. Und wie kann man bei sensiblen Themen so daneben greifen
Schascha schließt Freundschaft mit dem Buchspazierer, der Bücher an die Haustür liefert. Das könnte ganz nett sein, dachte ich mir. Leider ist mir alles zu klebrig süß geraten - aber das ist Geschmacksache und wäre locker noch 3 Sterne wert gewesen. (Ich habe hier mal wieder das ungekürzte Hörbuch gehört und mich einsatzbereit geärgert, dass ich meine Kritik auch beim Buch anbringen muss.)Mehrere Punkte haben mich allerdings richtig entsetzt: Schascha ist 9 Jahre alt und verheimlicht ihrem Vater von Anfang an, dass sie diesen Kontakt zu einem älteren Mann aufgebaut hat. Versteht mich nicht falsch: Carl, der Buchspazierer hat definitiv keine bösen Hintergedanken, aber weil das Buch mit so einer unfassbaren Naivität an dieses Thema herangeht, transportiert es diese Naivität genau für die junge Leser*innenschaft. Ein 9-jähriges Kind sollte doch keine Geheimnisse vor den Eltern haben müssen. Als Schaschas Vater ihre Spaziergänge entdeckt, wird nicht etwa über legitime Bedenken gesprochen (sorry, Grooming gibt es leider, gerade im Nahbereich), sondern es wirkt einfach wie eine Gemeinheit des Vaters, Schasch die Spaziergänge zu verbieten. Schascha setzt sich über das Verbot hinweg, dann eskaliert es richtig. Später kommt heraus, der Vater war - haltet euch fest - eifersüchtig auf die Zeit, die der Buchspazierer mit seiner Tochter verbringt. Allerdpätestens bei folgendem Setting hätte dem Autor doch auffallen müssen, wie cringe das alles ist: Der Buchspazierer stellt sich daraufhin wirklich noch vor Schulen auf der Suche nach Schascha. Ein solches Verhalten SOLLTE Kindern eigentlich merkwürdig vorkommen und es ist gut, dass wenigstens in einer Schule darauf reagiert wird. Aber der Autor tüncht hier völlig drüber und reißt damit mit dem Hintern ein, was man als Eltern und Schule aufbaut. Nach dem Motto: Der arme alte Carl im Buch will doch nichts Schlimmes und dann ist einfach irgendwie übertrieben, wenn Leute da misstrauisch werden. Da wenn er schon dabei ist, kann der Autor doch gleich noch das Bewusstsein für Consent torpedieren. Da macht er einmal was richtig und lässt Carl fragen: "Darf ich dich umarmen?". Aber Nö, in dieser Welt braucht man das nicht, denn Sascha antwortet: "Da musst du doch nicht fragen." Hier entscheidet Schascha zwar irgendwie selbst (was wichtig ist), weil sie selbst diesen Quark von sich gibt, aber gleichzeitig wird eben die Notwendigkeit negiert, dass hier die Zustimmung abgeklärt wird. Zurück bleibt: Da muss niemand nicht fragen. Da erzählt man seinem Kind jahrelang, dass es bei jedem Küsschen- oder Umarmungswunsch der Familie Nein sagen kann und den Anverwandten, dass das Kind das entscheiden darf und muss - und dann erzählt ein Kinderbuch, dass niemand deswegen fragen müsste. Der Vater schubst Carl später übrigens so, dass Carl eine Gehirnerschütterung und zwei Brüche davon trägt. Der leidensfähige Buchspazierer deckt den Täter sogar noch, obwohl dieser ihn bewusstlos zurücklässt. Aber klar, eine verspätete einfache Entschuldigung und ein umgebauter Rollator machen das alles wieder gut. Da passt wie die Faust aufs Auge, dass Schascha zwischen den bösen Papa, der gemein schubst und ihr Hausarrest vergibt, und dem "lieben" unterscheidet. Der "Schubser", sonst bekannt als gefährliche Körperverletzung, geschieht übrigens in einer "dunklen Gasse", vor der Carl im vorangegangenen Buch die ganze Zeit Angst hat Hier überwindet er sich endlich dort entlang zu gehen, weil er sich gut und stark fühlt und ausgetretene Wege verlassen möchte - und just passiert etwas Schlimmes. Sollen hier nun Kinder aufgefordert werden, etwas Neues zu wagen? Oder dazu, auf ihr Gefühl zu hören? Lassen wir sie mit dieser Frage doch einfach in der Luft hängen. Weil hier schon so viel ins Klo gegriffen wurde, kann man ja auch gleich noch bei partnerschaftlicher Gewalt weitermachen. Ich bin zwar der Meinung, dass dieses schwere Thema auch in einem Kinderbuch thematisiert werden kann. Aber hier transportiert das Buch erstmal ziemlich lange die Hilflosigkeit der Figuren, die darin gipfelt, dass die gerufene Polizisten Carl für seinen Anruf maßregeln. Es mag an dieser Stelle zwar nicht unrealistisch sein (leider gibt es genug dokumentierte Fälle darüber) gleichwohl für Kinder verstörend. Am Ende wird die betroffene Kundin quasi ex machina befreit, das Thema danach einfach fallengelassen und die Lesenden damit allein gelassen.Dann ist da noch die Sache mit Simon. Der spielt zwar eigentlich keine Rolle, aber er ärgert Schascha immer. Für den "Buchspazierer" ist glasklar, eigentlich ärgert Simon Schascha nur, weil er sie eigentlich mag. Was für eine hervorragende Idee (nicht!), Mädchen einzureden, dass gemeines Verhalten eine Form von Zuneigung wäre. Ich dachte wirklich, wir wären da schon weiter. Argh!!! Das hat sogar noch den Vorlauf, dass der Vater sich trotz des Protestes seiner 9-jährigen Tochter nicht davon abbringen lässt zu glauben, dass sie nur für einen Jungen sich so oder so verhalte. Zwar können durchaus Grundschulkinder schwärmen, aber genauso ist realistisch, dass sie es nicht tun. Das Buch gibt das aber als einzige Option vor.Wie kommt das alles in ein Kinderbuch? Das lies mich schon während der Lektüre grübeln, bis ich herausfand: Der Autor adaptiert seinen eigenen Roman "Der Buchspazierer" (von dem ich gehört hatte und dachte, das Kinderbuch würde nach der Verfilmung auf eine Welle aufspringen). Hätte der Autor das mal besser gelassen. Völlig unverständlich ist allerdings, warum Lektorat und Verlag nichts davon aufgefallen ist. So vergebe ich die Minimalbewertung mit einem Stern.