Vor etwa eineinhalb Jahren habe ich mit Begeisterung Die Brücke von London gelesen und nun hat Julius Arth mich wiederum nach London entführt, diesmal ist es die zugefrorene Themse, wir schreiben das Jahr 1684.
Der Große Frost, wie er in die Geschichte eingeht, beschert dem Fluss eine enorm dicke Eisschicht, schon bald gelten die Frostmärkte als Sensation. Der berühmteste dieser Märkte findet in diesem Winter statt, von dem Die Spionin von London handelt. Das Leben spielt sich am Ufer und auf der Themse ab, Buden werden errichtet, Schausteller bieten ihre Künste an, ganz London trifft sich genau hier. Es gibt alles, was das Herz begehrt.
Und da sind Emma und Ruth. Erstere wurde in die Ehe mit einem Adeligen gezwungen und Ruth hatte großes Glück, ihrem gefährlichen Ehemann gerade mal so entkommen zu sein. Auf ihrem Weg nach London begegnet Emma Ruth und bald wird ihnen klar, dass ihre Männer einer Gruppe von Verschwörern gegen den König angehören. Unsere Ehemänner sind in Wahrheit Feinde der Krone. Dass Ruth zuvor von ihrem Ehemann in die Kunst des Entzifferns von Geheimschriften eingeweiht wurde und sie für ihn viele Nachrichten entschlüsselt hat, kommt ihr nun zugute. Sie unterrichtet Emma darin, beide Frauen entwickeln sich als wahre Meisterinnen der Spionage und nicht genug damit, sind sie doch einer Verschwörergruppe gegen König Charles, die nichts anderes als seinen Tod wollen, auf der Spur.
Ja, es gab sie, diese weiblichen Spione, wenngleich es im 17. Jahrhundert eher ihren männlichen Kollegen oblag, diese gefährliche Tätigkeit auszuüben. Unsere beiden Spioninnen jedenfalls beherrschen ihr Metier aufs Beste. Was ihnen zudem nützt ist die Tatsache, dass Frauen gewöhnlich jegliches Taktieren abgesprochen wird, sie eher als schmückende Begleitung ihrer Männer gelten.
Julius Arth verpackt so geschickt wie unterhaltsam die historischen Hintergründe mit seiner fiktiven Geschichte um Emma und Ruth, in der auch der Silberschmied Guy eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, denn Emma wird in seiner Bude auf der eisigen Themse direkt ins Geschehen hineingezogen.
Viel Historisches habe ich mitgenommen. Von den Frostmärkten, die bis ins führe 19. Jahrhundert in einigen besonders eisigen Wintern stattfanden, wusste ich bis dato nichts. Das vielschichtige Treiben auf der zugefrorenen Themse mit all ihren Verkaufsständen, ihren Spelunken, dem Ochs am Spieß und auch dem Bären zur allgemeinen Belustigung, den Pferdekutschen und den Kohleverkäufern, die den Budenbetreibern Wärme bringen und mittendrin Die Spionin von London, die gewitzt und gewieft ihre Informationen zusammenträgt, haben mich aufs Allerbeste unterhalten und mir zugleich neue Erkenntnisse gebracht. Sehr gerne bin ich Emma und Ruth gefolgt, habe um sie gebangt und mich mit ihnen gefreut.
Eine eiskalte Verschwörung im London des 17. Jahrhunderts war ein kurzweiliges Lesevergnügen mit Charakteren, die liebenswürdig waren, andere wiederum waren gefährlich, hinterhältig und boshaft, alle jedoch sind sie glaubhaft wiedergegeben - eine Geschichte an einem außergewöhnlichen Ort um zwei Spioninnen, denen ich gebannt gefolgt bin.