"Olympia Mitterwald steht für mehr als eine Person, es steht für die Tat. Es steht für etwas, das sie Terror nennen."Olympia, das ist Coras Freundin aus Kindertagen, die sie während der Pandemie zufällig wiedertrifft. Olympia, das ist aber auch die Frau, die drei Jahre später am Berlin Hauptbahnhof verhaftet wird. Die, über die vor der Fleischtheke getratscht wird, hinter der Cora jetzt Fleisch verkauft und über das, was Jahre zuvor geschehen ist, nachdenkt. Damals, als sich die beiden Mädchen eher zufällig einer Gruppe von Klimaaktivisten angeschlossen haben. Damals, als die Wut auf jene, die die Natur mit ihren profitoptimierten Konzernen ausbeuten, immer weiter hochkochte. Die Frage, was man tun kann, wenn die Welt von morgen in Flammen steht. Insofern ist "Orca" ein Roman über Klimaaktivismus, der von friedlichem Protest in immer gewaltsamere Formen zu kippen droht. Viele Stellen rufen Assoziationen zu real existierenden Protesten wie etwa von Extinction Rebellion oder der letzten Generation auf.Spannend (und vielleicht ist "Orca" auch deshalb auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises zu finden): Typisch männlich konotierte Eigenschaften werden von weiblichen Protagonistinnen übernommen. Cora und Olympia (und später auch Freundin Alice) machen Krafttraining, wollen hart wirken, arbeiten bei Sicherheitsdiensten und sehen physische Gewalt als legitimes Mittel an. Franziska Gänsler entwirft hier also Figuren, die weit ab von jenen Klischees sind, die wir gemeinhin mit Gewalt und Aktivismus verbinden. Und überhaupt kommen Männer im ganzen Roman nur als Nebenfiguren vor. Die Handlung wird von Mädchen und Frauen getragen. Dieser eher feministisch-aktive Blicke auf den Klimaprotest allein würde den Roman schon zu etwas Besondere machen. Aber da ist noch mehr: Die Ausgestaltung der Hauptfigur Cora. Sie ist keineswegs eine überzeugte Kämpferin für das Klima, die durch ihren Aktivismus zunehmend verblendet. Ganz im Gegenteil, denn der Leser fragt sich oft, was Cora überhaupt bei der Gruppe hält. Warum sie da mitmacht und immer mehr Vorschläge für Direct Action, die Protestformen mit Gewalteinsatz, sammelt. Das Mädchen ist eigentlich eine Suchende, die nirgends dazugehört und so sehr nach Bestätigung sucht. An ihrer elitären Privatschule darf sie nur lernen. weil sie in einem Förderprogramm Mitglied ist. Die Eltern ihrer Mitschüler finanzieren ihr das Lernen. Doch richtig dazu gehört Cora nicht zu dieser Welt aus Markentaschen und teurem Make-up. Für die Protestgruppe im Elson-Haus ist sie zu wenig "da". Zumindest wird ihr das immer dann vorgeworfen, wenn sie für die Schule lernen muss. Und so erscheint der weitere Handlungsverlauf mehr wie ein Reinschlittern in die Aktivistenszene als eine überzeugte Handlung. Und auch Cora selbst scheint sich manchmal zu fragen, wohin es sie da treibt. Gänsler erzählt eindrücklich, manchmal kaum aushaltbar von Gewalt und Protest. "Orca" birgt eine Geschichte, die ich so noch nie zuvor gelesen haben und die ein klares Schwarz-Weiß unmöglich macht. Der einzige Wermutstropfen: Der Beginn liest sich sehr wie eine Adaption des Films "Parasiten". Ist man über diesen Teil hinaus, liest man aber eine originäre Geschichte, die im Kopf bleibt.