altbekannte Coaching-Tipps zu Manifestation, unerträglich kindischer Stil wechselt sich mit pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchen ab
Ich habe dieses Buch von einer Kollegin geschenkt bekommen - verbunden mit der wärmsten Leseempfehlung und dem Hinweis, es enthalte "wunderschöne Geschichten". Da wir uns noch nicht besonders lange kennen, wusste sie über meinen persönlichen Lesegeschmack vermutlich nicht sehr viel, außer dass ich leidenschaftlich gerne und sehr viel lese. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe mich durch dieses Buch regelrecht gequält. Seit langer Zeit habe ich nichts gelesen, das mich derart enttäuscht und genervt hat.Schon der Titel hätte mir eine erste Warnung sein können: "Das kleine Hotel, wo Wünsche wahr werden" wirkt sprachlich zumindest grenzwertig. Die Formulierung ist zwar im Alltag durchaus gebräuchlich, wenn auch nicht grammatikalisch falsch, so aber stilistisch nicht standardsprachlich. Leider setzt sich dieser erste negative Eindruck im gesamten Buch fort.Es fällt mir schwer, das Buch überhaupt einem Genre zuzuordnen. Der Klappentext erweckt den Eindruck eines modernen Märchens für Erwachsene. Der Untertitel "Eine Erzählung über die lebensverändernde Kraft unserer Gedanken" wiederum klingt eher nach einem Lebensratgeber. Zu einem Märchen passt allerdings nicht, dass die Ich-Erzählerin von einer Frau namens Sita fortlaufend Ratschläge erhält, die angeblich Manifestation studiert hat und sogar eine Professur in diesem Bereich innehat.Hier zeigt sich bereits eines der für mich größten Probleme des Buches. Manifestation ist kein akademischer Studiengang und kein wissenschaftliches Fachgebiet, sondern ein Begriff, der vor allem aus Bereichen wie Selbstoptimierung, Esoterik und teilweise populärpsychologischen Ansätzen stammt. Ich bin durchaus offen für die Idee, dass Visualisierung, Zieldefinition und positive Selbstgespräche Menschen dabei helfen können, ihr Verhalten zu verändern und ihre Ziele konsequenter zu verfolgen. Das ist jedoch etwas anderes, als diesen Konzepten einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.Textilbetriebswirtin Anjana Gill, die als Online-Coach und nach eigener Bezeichnung "bekannte Glücksexpertin" auftritt, versucht meiner Wahrnehmung nach immer wieder, ihre Aussagen durch die Figur der fiktiven Professorin Sita aufzuwerten. Problematisch finde ich dabei, dass nicht klar genug vermittelt wird, dass diese Figur lediglich ein erzählerisches Mittel ist und keine reale wissenschaftliche Autorität darstellt. Für mich ist der Versuch, unbelegte Behauptungen mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit zu versehen, schlichtweg unseriös.Ein Beispiel ist folgende Aussage von Sita: "Wenn dein Gehirn denkt, dein Wunsch hätte sich schon erfüllt, dann passiert etwas Großartiges: Dann erhöht sich deine Schwingung und du sendest die Frequenz der Erfüllung aus ... Das Universum kann dann gar nicht anders, als auf diese Frequenz zu antworten." Die Ich-Erzählerin kommentiert dies mit: "Das war wirklich geballtes Wissen." Nein - das ist kein Wissen. Es handelt sich bestenfalls um ein spirituelles Gedankenkonstrukt oder eine persönliche Überzeugung, aber nicht um wissenschaftlich belegtes Wissen. Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied. Gegen persönliche Lebensphilosophien oder Coaching-Ansätze ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Sie sollten jedoch nicht als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert werden, wenn die entsprechende empirische Evidenz fehlt.Neben den Inhalten hat mich auch der Schreibstil enttäuscht. Die Sprache wirkt häufig sehr simpel, teilweise sogar kindlich. In einem Kinderbuch kann die direkte Ansprache der Leserschaft ein wirkungsvolles Stilmittel sein, um Nähe und Identifikation zu schaffen. Hier empfand ich diese Art der Ansprache jedoch häufig als plump und aufgesetzt - vor allem, weil die Autorin beziehungsweise die Ich-Erzählerin immer wieder voraussetzt, dass die Lesenden dieselben Empfindungen haben. Beispielsweise heißt es: "Geht dir das eigentlich auch so? Wenn du einen Raum betrittst und dort eine Engelfigur steht, ein Elefant oder eine Buddhafigur, dass du dann sofort dieses heimelige warme Gefühl bekommst? Ich wusste, dass du das auch hast."Nein, das weiß sie eben nicht. Ich habe dieses Gefühl in der beschriebenen Situation nicht. Diese ständige Annahme gemeinsamer Empfindungen wirkte auf mich eher vereinnahmend als verbindend.Mein Fazit: "Das kleine Hotel, wo Wünsche wahr werden" verbindet altbekannte Coaching-Inhalte mit einer teilweise pseudowissenschaftlichen Verpackung und präsentiert sie in einem sehr einfachen, zuckersüßen Stil. Für Leserinnen und Leser, die sich mit Manifestation, positiver Energie und spirituellen Lebenskonzepten identifizieren, mag das Buch möglicherweise ansprechend sein. Für mich war die Lektüre jedoch reine Zeitverschwendung.