REZENSION
- Schon in seinem vor vier Jahren auf Deutsch erschienenen Debütroman "60° Nord" schrieb der auf den Shetlandinseln aufgewachsene schottische Schriftsteller Malachy Tallack (45) über die Prägung des Menschen durch die ihn umgebende Natur, über Verlust und Einsamkeit. Dieses atmosphärisch düstere Thema prägt auch seinen neuen, im Juni beim Luchterhand Literaturverlag veröffentlichten Roman "Der Ozean so wild und weit" über zwei zurückgezogen lebende Insulaner.Zunächst lernen wir Sonny kennen, der Ende der 1950er-Jahre als junger Mann im Südatlantik auf einem Walfänger in eisig-stürmischer See Schwerstarbeit leistet. Als er schließlich in seiner Heimat, den Shetlandinseln, sesshaft wird, um sich mit seiner Ehefrau und seinem bald geborenen Sohn Jack im Cottage seines Schwiegervaters ein Leben an Land aufzubauen, ist er hin- und hergerissen zwischen seiner Verpflichtung der jungen Familie gegenüber und seinem früheren Leben als Seemann an Bord des Walfängers. Unverändert vom Meer begeistert, schafft er sich schließlich ein Segelboot an.Jahrzehnte später lebt Sonnys inzwischen kurz vor der Rente stehender und unverheirateter Sohn Jack noch immer im kleinen Cottage seiner Eltern. Er führt ein genügsames Leben, arbeitet als Postbote und Hausmeister - Jobs, die man ihm eher aus Mitleid angeboten hat. Jack ist wie sein Vater ein wortkarger und schüchterner Mann ohne Freunde und kaum Kontakt zu den wenigen Nachbarn - scheinbar unfähig, Gefühle oder gar Liebe zu zeigen. Seine Gefühle verarbeitet er, der seit Jugend ein Fan bekannter amerikanischer Country-Sänger, ihrer Texte und Melodien ist, seit Jahrzehnten in selbstgeschriebenen Songs, die doch niemals zur Aufführung kommen.Seinen Traum, in Glasgow einmal als Sänger auf der Bühne zu stehen, musste er frühzeitig aufgeben, nachdem seine Eltern vor Jahrzehnten mit ihrem Segelboot ausgerechnet bei der Kollision mit einem Wal ums Leben gekommen waren. Nun musste sich Jack um die familiäre Landwirtschaft und Schafzucht kümmern. Doch schon bald verkaufte er Land und Schafe an den Nachbarn und lebt seitdem nur vom geringen Verdienst aus Gelegenheitsjobs. Erst der überraschende Inhalt eines vor seiner Haustür abgelegten Pappkartons und die Zutraulichkeit der achtjährigen Tochter seiner Nachbarin geben dem über 60-Jährigen, der sich schon längst mit seiner Einsamkeit abgefunden hatte, unerwartet neuen Lebensmut. Es braucht manchmal nur solche kleinen Momente, um einen Neuanfang zu wagen.Im Roman "Der Ozean so wild und weit", dem man dem Nature-Writing-Genre zuordnen kann, spielt die Natur in ihrer Vielfalt und Wechselhaftigkeit eine gewichtige Rolle. Ob an Bord einsam in der Weite des Südatlantiks oder zurückgezogen im armseligen Cottage auf den kargen Shetlandinseln - in beiden Fällen prägen Alltag und Natur die Menschen und zwingen sie zu Genügsamkeit und Verzicht. Beide - Vater Sonny und Sohn Jack - sind einsame, emotional verschlossene Männer. Andererseits zeigt sich die Wildheit der sie umgebenden Natur in ihrer inneren Unruhe. Ihre Gefühlswelt und ihre sich daraus ergebenden Entscheidungen erschließen sich uns Lesern allerdings erst im Laufe der Geschichte, die in Rückblicken und Erinnerungen beide Handlungsstränge vereint.Autor
Malachy Tallack hat es geschafft, trotz der zur kargen Landschaft der Shetlands passenden ruhigen Handlung einen in seiner Art bewegenden und atmosphärisch lebendigen Roman zu schreiben. Auch der kapitelweise Abdruck seiner eigenen, zu Handlung und Stimmung passenden Song-Texte - Tallack ist wie sein Protagonist Jack selbst Singer-Songwriter - trägt in dieser für einen Roman ungewöhnlich poetischen Kombination dazu bei. Es ist diese melancholische Atmosphäre aus Trauer, Schuldgefühlen und Erinnerungen, aus menschlichen Ängsten und Schwächen, die den Roman zu etwas Besonderem macht. Der Autor zwingt beim Lesen zur Entschleunigung, regt gleichzeitig zum Nachdenken an, so dass sein Buch nachhaltig in Erinnerung bleibt.