Der Roman "Der gute Mensch von Sandvika¿ der norwegischen Schriftstellerin Vigdis Hjorth erinnert mit seinem Titel unmittelbar an Bertolt Brechts Theaterstück "Der gute Mensch von Sezuan¿. Vigdis Hjorths Roman hat Anklänge einer Sozialstudie, einer Gesellschafts- und Kapitalismuskritik und tatsächlich dankt die Autorin am Ende u. a. Bertolt Brecht für die Inspiration zu ihrem Roman. Im Roman berichtet die namenlose Ich-Erzählerin, eine arrivierte und wohlhabende ältere Schriftstellerin, von ihren Erlebnissen rund um eine trostlose Kneipe in einem Osloer Vorort , die sie zwei Jahre lang besucht, um hier zu trinken und an ihren Romanen zu schreiben. In dieser Kneipe ist sie eine Ausnahmeerscheinung, denn hier versammeln sich hauptsächlich gebrochene, von Sozialhilfe lebende Menschen. Alle, die Ich-Erzählerin eingeschlossen, scheinen Alkoholiker zu sein.Eine Frau namens Ada, Anfang vierzig, dicklich, jünger aussehend, mit "mildem Antlitz¿, den übrigen Kneipenbesuchern gegenüber zugewandt und mitfühlend, spielt hier still und allein vor dem Kneipenfernseher jeden Samstag Lotto. Die Ich-Erzählerin fühlt sich magisch von Ada angezogen, besonders als Ada eines Tages wirklich im Lotto gewinnt und zumindest für eine der verlorenen Seelen der Kneipe zum "Ada-Engel¿ wird. Doch die Geschichte gleitet in diesem Moment nicht in eine kitschige Rettungsparabel ab, sondern entfaltet sich, ganz im Geiste Brechts, zu einem Gleichnis über die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Menschen, gut und barmherzig zu handeln in einer von der Jagd nach Geld geprägten Gesellschaft "in der es schwer sei¿, so klagt Ada, "gut zu sein, die Welt sei zu schwer, und wer den Verlorenen helfen wolle, sei selbst verloren¿. Letzteres gilt sowohl für Ada als auch für die namenlose Schriftstellerin. So sind die Charaktere der Figuren, insbesondere Adas und die der Ich-Erzählerin, psychologisch in ihrer existenziellen Verlorenheit fein ausgefeilt dargestellt. Sie erinnerten mich an Charaktere in Filmen von R. W. Fassbinder, dem die Autorin am Ende des Romans für die Inspiration ebenfalls dankt. Überhaupt scheinen hier sämtliche Figuren einsam und verloren, also die gesellschaftlich Abgehängten, die Verlassenen, aus welchen Gründen auch immer sie in ihre Lage kamen, geeint durch ihre Alkoholsucht. Allein die namenlose Schriftstellerin stellt sich durch ihre leicht überhebliche Art über die im Gegensatz zu ihr in prekären Verhältnissen Lebenden, erst spät realisierend, dass es ihr eigentlich nicht besser geht als den übrigen Kneipenbesuchern. Eine Atmosphäre existenzieller Trostlosigkeit durchzieht den Roman, was unterstrichen wird durch poetische Natur- und Landschaftsbeschreibungen, die lichten skandinavischen Sommernächte, die herannahenden Nebel, die in düstere Wintermonate münden. Im harten Kontrast zu den Naturbeschreibungen steht die drastische Sprache des Kneipenmilieus und auch die teils derbe, distanziert anmutende Ausdrucksweise der Ich-Erzählerin. Auf den Leser wirkt das durchaus kühl und sogar arrogant. Allerdings haben mich die Szenen zwischen Ada und dem Hund der Ich-Erzählerin, ihrem ständigen Begleiter in der Kneipe und auf der Hundewiese, als ehemalige Hundebesitzerin emotional ähnlich berührt wie eine dramatische Szene gegen Ende des Romans, auf die der Plot unaufhaltsam zusteuert.Mit dem Setting einer Kneipe, in dem hauptsächlich einsame Sozialhilfeempfänger Zuflucht suchen und in der eine wohlhabende Schriftstellerin "gut arbeitet¿, habe ich zunächst etwas gefremdelt. Nach der Lektüre dieses mit nur 172 Seiten kurzen und dennoch sehr gehaltvollen Romans, stelle ich aber fest, dass die Autorin hier genau das richtige Szenario gewählt hat, um beim Leser derart tiefgründige Gedanken über Menschlichkeit, Einsamkeit, Güte , Barmherzigkeit, gesellschaftliche Prägungen, Geld und vieles mehr auszulösen, wie das bei mir und der Leserunde, in der ich den Roman lesen durfte, der Fall war. Vigdis Hjorth läßt ihre Protagonistin auf Seite 43 sagen, "....Sandvika,...., wo die Kneipe über die ich schreibe, verschwinden würde, nur noch eine alte Mär, eine Geschichte, die Geschichte, die ich schreibe.¿ Eine alte Mär, aber für mich viel mehr als nur das !Ein sehr lesenswerter, tiefgründiger Roman, den ich mit 5 Sternen nur empfehlen kann.