Da ich mit Vera Bucks "Keine Angst, Darling" und auch "Yesteryear" dieses Jahr schon zwei Bücher zum Thema Tradwives gelesen habe, wollte ich natürlich unbedingt auch den Horrorroman aus dem FISCHER Tor Verlag lesen - und der Klappentext klang einfach so gut! Und vorneweg: Ich fand das Buch auch richtig, richtig gut, obwohl ich glaube, dass Horrorfans erst sehr spät auf ihre Kosten kommen. Aber dazu später gerne noch einmal mehr.Auf den ersten Seiten und in den ersten Kapiteln lernen wir Jenny besser kennen und kommen mit ihr so ein bisschen in ihrer Welt an. Wir treffen auf eine Frau, die viele Themen mit sich trägt, die bestimmt auch andere Frauen kennen. Ich habe relativ schnell einen Draht zu ihr bekommen und natürlich auch gleich mitgelitten. Das hat die Autorin für mich richtig gut gemacht, gerade weil sie zeigt, wie schnell einem öffentlich Hass entgegenschlagen kann, sobald man etwas sagt oder eine Entscheidung trifft, die anderen nicht gefällt.Jenny erlebt genau das, nachdem sie einen sehr persönlichen Artikel veröffentlicht hat. Die Anfeindungen gehen schließlich so weit, dass sie ihren Job verliert, allerdings erhält sie das Angebot, die erfolgreiche Tradwife Mia zu interviewen. Mia zeigt ihren Followerinnen und Followern ein scheinbar perfektes Leben auf einer Farm, mit ihrem Mann, ihren sieben Kindern und ganz viel selbst gemachter Familienidylle. Jenny möchte genauer hinsehen und herausfinden, was hinter diesem Bild steckt. Für ihre Reportage soll sie schließlich eine Woche lang Mias Alltag übernehmen. Doch je länger sie auf der Farm bleibt, desto deutlicher merkt sie, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.Was ich auf jeden Fall positiv erwähnen möchte: Ich habe das Hörbuch gehört, das von Viola Müller gesprochen wird - und ich liebe Viola Müller einfach! Ich mag ihre Art zu sprechen und wie sie den Figuren durch ihre Stimme noch mehr Tiefe gibt. Auch hier hat sie es geschafft, Jenny sofort zu einer Figur zu machen, mit der ich mitfühle, mit der ich mitleide und deren Weg ich gerne verfolge. Ihre Sprechgeschwindigkeit und ihre Betonung haben für mich so gut zur Geschichte gepasst. Also: ganz, ganz großer Viola-Müller-Fan hier, und ich kann euch das Hörbuch wirklich ans Herz legen! Ich glaube, die Geschichte kickt noch einmal anders, wenn man sie als Hörbuch hört.Bevor ich weiter auf meine Rezension eingehe: Ich weiß, es ist ein Horrorroman, und ich weiß auch, dass Triggerwarnungen umstritten sind. Mir sind sie trotzdem wichtig, damit ihr auf meinem Blog möglichst gut einschätzen könnt, ob ein Buch etwas für euch ist oder ob darin Themen vorkommen, die euch belasten könnten. Denkt daran: Es ist ein Horrorroman, der am Ende sehr, sehr wild wird.Folgende Content Notes würde ich euch mitgeben, wobei auch diese kleine Spoiler enthalten können: sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung; psychische und körperliche Gewalt; Manipulation und Kontrolle; Schwangerschaftsabbruch, Schwangerschaft und Geburt; Verlust der Kontrolle über den eigenen Körper und die eigene Identität; Selbstverletzung und drastischer Body Horror; Vernachlässigung und Gefährdung von Kindern; Verletzungen und verweigerte medizinische Hilfe; Tierleid und tote Tiere; psychische Erkrankungen und belastende Darstellungen psychiatrischer Unterbringung; Frauenfeindlichkeit; religiöser Fanatismus; Hass und Morddrohungen im Internet sowie Tod, Mord und die Schilderung einer Hexenverbrennung.Da ich gar nicht so viel vom Plot verraten will, weil ich euch damit das Spannende nehmen würde, möchte ich gerne ein bisschen auf das Buch an sich eingehen. Wir starten relativ ruhig, lernen Jenny kennen und begleiten sie erst einmal durch ihr Leben. Nach und nach bekommt die Geschichte dann diese düsteren Vibes, weil man sich immer wieder denkt: Hey, was passiert denn jetzt? Warum ist Mia so seltsam? Und warum verhalten sich hier eigentlich alle so komisch?Das wäre vielleicht auch mein winzig kleiner Kritikpunkt: Jenny stolpert wirklich sehr, sehr oft über Dinge, bei denen sie selbst schon merkt, dass sich das alles irgendwie nicht gut anfühlt. Trotzdem sagt sie schließlich zu, für eine Woche Freaky Friday zu spielen und Mias Alltag zu übernehmen. Gerade die Art, wie ihr ehemaliger Arbeitgeber mit ihr umgeht und ihre Situation ausnutzt, fand ich dabei schlimm. Ich konnte ihre Entscheidung nicht immer ganz nachvollziehen, auch wenn ihre berufliche und finanzielle Situation natürlich viel dazu beiträgt. Den Weg auf die Farm und die Frage, was dort eigentlich los ist, fand ich trotzdem sehr, sehr spannend!Wer durchgehend auf den großen Horror wartet, braucht hier meiner Meinung nach ein bisschen Geduld. Für mich war es zunächst eher dieses ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmt, bevor die Geschichte später wirklich sehr wild, körperlich und übernatürlich wird. Gerade der Verlust der Selbstbestimmung hat mich dabei mehr getroffen als der reine Gruselfaktor.Eine absolute Stärke des Buches ist für mich auf jeden Fall auch der feministische Aspekt. Hier werden wirklich Themen angesprochen, die mich als Feministin sehr betroffen gemacht haben: dass hinter dem Bild der perfekten Hausfrau unglaublich viel Arbeit steckt, aber kaum eigener Besitz; dass Jennys Offenheit von einer sogenannten Bruderschaft komplett gegen sie verwendet wird, weil Männer meinen, sie hätten jedes Recht, unsere Erfahrungen und Meinungen kleinzureden; und dass weibliche Bedürfnisse kleingemacht oder einfach nicht ernst genommen werden. Auch der Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit wird ausgenutzt, und sogar im Horror wird der Verlust der Selbstbestimmung körperlich spürbar. Eine der Szenen war dadurch für mich fast die schlimmste im ganzen Buch.Das Buch hat mich also schon auch ein bisschen getroffen, aber ich fand gerade das richtig gut. Für mich hat dieser Aspekt die Geschichte noch einmal sehr, sehr aufgewertet und sie auch von den anderen Büchern abgehoben, die ich dieses Jahr zu diesem Thema gelesen habe. Ja, wir sind im Horrorgenre, und ja, es wird übernatürlich und irgendwann auch sehr, sehr horrormäßig. Trotzdem hat die Autorin es geschafft, dass ich als Frau beim Lesen immer wieder einfach nur dachte: HEFTIG!Fazit:"Trad Wife" von Sarah Langan war ein Horrorroman, der mich richtig gut abholen konnte und den ich richtig gern gehört habe. Viola Müller ist und bleibt für mich ein absolutes Highlight in den allermeisten Büchern, die sie spricht, und auch hier habe ich ihr sehr, sehr gerne zugehört.Ich habe es absolut genossen, und obwohl ich kleine Kritikpunkte hatte - die wirklich klein waren -, möchte ich dem Buch einfach fünf Flamingos geben. Es hat mich unterhalten, ich fand den Schreibstil toll und habe schnell eine Bindung zu Jenny aufgebaut. Mia fand ich genauso wie Jenny von Anfang an weird, und dann fand ich es einfach total krass, was alles passiert ist. Obwohl es irgendwann sehr ominös und sehr, sehr weird wird, fand ich es irgendwie trotzdem cool und hatte richtig viel Spaß beim Hören.¿¿¿¿¿ - Für Jenny, für all die Frauen, die in diesem Buch gelitten haben, und mit der Hoffnung, dass dieses Buch doch dem ein oder anderen Menschen die Augen öffnet.