Schmal und schnell gelesen, überzeugt aber nicht ganz
"Der Erinnerungsfälscher" führt mit Said Al-Wahid einen Mann zurück an einen Ort, den er vor vielen Jahren verlassen hat und der ihm dennoch nie vollständig abhandengekommen ist. Die Nachricht vom Sterben seiner Mutter wird dabei zum Auslöser einer Reise, die weniger auf eine geografische Rückkehr als auf eine brüchige Annäherung an die eigene Vergangenheit hinausläuft.Said lebt inzwischen in Berlin, hat eine Frau, einen Sohn und erste Erfolge als Schriftsteller. Nach außen scheint sein Leben angekommen zu sein. Doch schon die Tatsache, dass er seinen Reisepass ständig bei sich trägt, erzählt von einer Vergangenheit, in der Aufenthaltsrecht, Sicherheit und Zugehörigkeit keineswegs selbstverständlich waren. Abbas Khider zeigt sehr eindringlich, wie lange die Erfahrung des Fremdseins nachwirken kann, selbst dann, wenn die formalen Voraussetzungen für ein neues Leben längst erfüllt sind. Besonders die Begegnungen mit der deutschen Bürokratie haben bei mir ein Gefühl der Beklemmung hinterlassen. Für die Behörden scheint Said bisweilen weniger als Mensch denn als Vorgang zu existieren, als Akte, deren Bestand jederzeit infrage gestellt werden kann.Noch stärker interessiert mich allerdings die zweite Ebene des Romans, die Frage, was von einem Leben überhaupt übrig bleibt, wenn die Erinnerung ihre Verlässlichkeit verliert. Auf Saids Reise tauchen Bilder aus Kindheit, Flucht und Ankunft in Deutschland auf, doch sie erscheinen nicht als sauber geordnete Rückblende. Vielmehr sind es Bruchstücke, Lücken und widersprüchliche Versionen. Manches weiß Said nicht mehr, anderes möchte er vielleicht gar nicht mehr wissen. Gerade darin liegt für mich eine der stärksten Ideen des Buches. Erinnerung ist hier nicht das Archiv eines Lebens, sondern etwas Bewegliches, das sich verändert, schützt, verdrängt und gelegentlich auch neu erfindet.Der Titel "Der Erinnerungsfälscher" bekommt dadurch eine beinahe paradoxe Bedeutung. Said beginnt zu schreiben und erkennt, dass er seine Vergangenheit nicht rekonstruieren kann, ohne die fehlenden Teile mit Vorstellungskraft zu ergänzen. Die Grenze zwischen Erlebtem und Erfundenem wird unscharf. Abbas Khider macht daraus jedoch kein vordergründiges literarisches Spiel, sondern verbindet die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses mit einer viel existenzielleren Frage, ob ein Mensch seine eigene Geschichte erzählen kann, wenn große Teile davon unwiederbringlich verloren gegangen sind. Für mich ist das der interessanteste Gedanke des Romans.Abbas Khider erzählt dabei auffallend nüchtern. Seine Sprache bleibt meist knapp und lakonisch, selbst dort, wo von Gewalt, Flucht, Verlust und Entwurzelung die Rede ist. Zunächst hatte ich dadurch eine gewisse Distanz zum Geschehen. Ich hätte mir an manchen Stellen mehr emotionale Verdichtung gewünscht, mehr Raum für die einzelnen Erfahrungen und für die Menschen, die Said auf seinem Weg begegnen. Andererseits passt diese Zurückhaltung durchaus zu einer Figur, deren Verhältnis zur eigenen Vergangenheit von Verdrängung und Erinnerungslücken geprägt ist. Die Kargheit wirkt deshalb nicht ausschließlich wie eine Schwäche, sondern bisweilen wie ein erzählerischer Schutzmechanismus.Besonders gelungen fand ich, dass Abbas Khider die Frage nach Heimat nicht mit einfachen Antworten versieht. Said hat den Irak verlassen und in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. Dennoch bedeutet die deutsche Staatsbürgerschaft nicht automatisch innere Zugehörigkeit. Umgekehrt ist auch die Rückkehr nach Bagdad keine wirkliche Heimkehr mehr. Das Land seiner Kindheit existiert in seiner Erinnerung weiter, während die tatsächliche Heimat sich verändert hat, ebenso wie Said selbst. Als er schließlich vor dem Gesicht seiner verstorbenen Mutter steht, verdichtet sich diese Entfremdung auf wenigen Seiten zu einem stillen, fast schmerzhaften Moment.Gleichzeitig blieb bei mir der Eindruck zurück, dass dieser Roman seine Möglichkeiten nicht ganz ausschöpft. Die Themen, die Abbas Khider berührt (Flucht, Rassismus, Bürokratie, Heimatverlust, Erinnerung, die Frage nach einer erzählbaren Biografie), hätten durchaus einen umfangreicheren Roman getragen. Vieles wird nur angerissen, manches bleibt Episode. Gerade die Rückblicke auf Saids Flucht hätten für mich mehr Raum verdient. Nicht, weil jede Station ausführlich ausgemalt werden müsste, sondern weil die Konsequenzen dieser Erfahrungen für seine spätere Persönlichkeit dadurch noch stärker hervortreten könnten.So ist "Der Erinnerungsfälscher" für mich vor allem ein konzentrierter Roman über das schwierige Verhältnis von Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit. Seine Wirkung entsteht weniger aus einem großen Spannungsbogen als aus einzelnen Gedanken und Bildern, die sich nach und nach festsetzen. Ich habe das Buch mit einer gewissen Wehmut beendet, aber auch mit dem Gefühl, dass mir etwas fehlte. Abbas Khider deutet viel an, doch gerade dort, wo ich mir größere erzählerische Tiefe gewünscht hätte, zieht er sich wieder zurück.Trotzdem liegt in dieser Zurückhaltung eine eigene Qualität. "Der Erinnerungsfälscher" ist kein pathetisches Buch über Flucht, sondern eine leise Betrachtung dessen, was Flucht mit einem Menschen macht, lange nachdem sie beendet ist. Vor allem die Idee der Erinnerung als etwas Unvollständigem und Unzuverlässigem bleibt bei mir zurück. Ein schmaler Roman, der deutlich mehr Fragen aufwirft, als seine wenigen Seiten zunächst vermuten lassen.