Heute so aktuell wie 1942
Ein Hauptwerk des Existentialismus, der meistpublizierte Roman Frankreichs, auf verschiedenen Listen der 100 wichtigsten Bücher der Welt (z.B der Zeit). Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, der dem Leben in den meisten Aspekten gleichgültig gegenübersteht, begeht einen Mord an einem anderen jungen Mann, für den er schließlich vor Gericht geführt wird. Gerichtet wird nicht der Mord, sondern seine Gefühllosigkeit, mit der er sich von dem, was die Gesellschaft erwartet, distanziert. Seine Unbeteiligtheit am Geschehen, gegenüber anderen Menschen, jeder Situation verstört noch immer, verstärkt durch die Ich-Erzählperspektive. Mir gehen drei Aspekte besonders nahe - Zum einen, weil das Leben an sich (sein eigenes genauso wie das des Toten oder jedes anderen Menschen) für ihn keinen Sinn hat, weil es unwiederbringlich enden wird und für ihn mit dem Tod alles vorbei ist. Die ultimative Sinnfrage - wo findet man den Sinn, wenn das Religiöse / Spirituelle für einen keine Lösung bietet? Zum anderen, weil das einzige Gefühl, das er empfindet, ein Trieb ist, die Lust. Dieser Aspekt verstört mich heute - nach MeToo und Epstein mehr, als es wahrscheinlich damals verstört hat. Der Erzähler mauert, wenn ihm Fragen gestellt werden, man kommt nicht an ihn heran. Da es aus seiner Innenperspektive geschildert wird, scheint er auch in sich gefangen zu sein. Die Mauer steht zwischen ihm und der Gesellschaft. Dafür wird er hingerichtet, er passt nicht dazu. Der dritte Aspekt, der mich beschäftigt - ist der psychologische Hintergrund - hat er Asperger / Autismus - kann er überhaupt dafür gerichtet werden? (Abgesehen davon, dass die Todesstrafe generell keine Lösung ist, natürlich.) Der Roman wurde 1942 geschrieben, liest sich aber auch heute noch intensiv, die Fragen bleiben universell.