My Husbands Wife von Alice Feeney ist genau die Art von Psychothriller, die einen schon mit ihrer Ausgangssituation vollkommen verunsichert. Ein Haus. Ein Ehemann. Zwei Frauen. Und irgendjemand lügt. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um neugierig zu werden.
Im Mittelpunkt steht Eden Fox, eine aufstrebende Künstlerin, die eines Tages nach Hause kommt und feststellen muss, dass ihr Schlüssel plötzlich nicht mehr passt. Eine fremde Frau öffnet ihr die Tür, eine Frau, die ihr erschreckend ähnlich sieht. Und als wäre das nicht verstörend genug, behauptet Edens eigener Ehemann, dass genau diese Fremde seine Frau sei. An dieser Stelle würde ich über die Handlung auch schon gar nichts mehr verraten wollen. Denn My Husbands Wife ist definitiv ein Buch, bei dem man am besten mit möglichst wenig Vorwissen startet.
Was mir besonders gefallen hat, ist dieses permanente Gefühl von Misstrauen. Schon sehr früh beginnt man, alles zu hinterfragen. Wer sagt die Wahrheit? Was ist tatsächlich passiert? Und kann man überhaupt irgendeiner Figur vollständig vertrauen? Genau mit dieser Unsicherheit spielt Alice Feeney unglaublich gerne.
Die Geschichte lebt dabei nicht nur von der Frage, was eigentlich vor sich geht, sondern vor allem von ihrer psychologischen Spannung. Themen wie Identität, Liebe, Obsession, Lügen und Rache ziehen sich durch den Roman. Immer wieder hatte ich das Gefühl, endlich ein Puzzleteil richtig eingeordnet zu haben, nur um kurz darauf wieder an meiner eigenen Theorie zu zweifeln.
Auch das Setting mochte ich sehr. Spyglass, das alte Haus im Küstenort Hope Falls, passt wunderbar zu dieser Geschichte. Ein schönes Zuhause sollte eigentlich Sicherheit vermitteln, hier entsteht aber zunehmend das genaue Gegenteil. Dadurch liegt selbst über scheinbar normalen Situationen etwas Unbehagliches.
Alice Feeneys Schreibstil trägt enorm dazu bei, dass sich der Thriller schnell lesen lässt. Die Informationen werden genau so dosiert, dass ständig neue Fragen entstehen. Es gibt immer wieder kleine Details, bei denen man automatisch überlegt, ob sie später noch wichtig werden könnten. Dadurch war ich beim Lesen ständig am Miträtseln.
Besonders spannend fand ich, wie sehr das Buch mit der eigenen Wahrnehmung der Charaktere spielt. Ein erster Eindruck bedeutet hier überhaupt nichts. Sympathie, Misstrauen und Verdacht können sich schnell verschieben und genau das macht diese Art von Psychothriller für mich so unterhaltsam.
Natürlich wartet man bei einem Buch von Alice Feeney auch auf die berühmten Twists. Darüber möchte ich allerdings bewusst überhaupt nichts erzählen, nicht einmal, ob ich sie kommen gesehen habe oder nicht. Bei dieser Geschichte gehört das Rätseln einfach zum Erlebnis und jeder zusätzliche Hinweis würde davon etwas wegnehmen.
Was ich besonders mochte: Hinter dem ganzen Verwirrspiel steckt mehr als nur die Jagd nach der nächsten überraschenden Enthüllung. Es geht auch darum, wie gut wir die Menschen kennen, die uns am nächsten stehen und wie schnell vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten können.
My Husbands Wife ist damit ein richtig schön verwirrender Psychothriller, bei dem man irgendwann gefühlt niemandem mehr über den Weg traut. Die ungewöhnliche Ausgangssituation, das atmosphärische Setting und das ständige Spiel mit Wahrheit und Lüge haben dafür gesorgt, dass ich unbedingt wissen wollte, was hinter allem steckt.
Wer Thriller liebt, bei denen man Theorien aufstellt, sie wieder verwirft und trotzdem bis zum Schluss versucht, der Geschichte einen Schritt voraus zu sein, sollte sich My Husbands Wife definitiv genauer anschauen.
Von mir bekommt My Husbands Wife 4,5 von 5 Sternen.