Am Sonntag ist der italienische Autor Antonio Tabucchi in seiner Wahlheimat Portugal gestorben. Was ich ihm zum Gedenken sagen wollte, habe ich bereits bei seinem, wie ich finde, schönsten Buch Träume von Träumen geschrieben. Noch einmal möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass jetzt nicht die Zeit ist, sein Werk abschließend zu beurteilen, sondern es wieder zu lesen, was insbesondere für diesen Roman gilt, bei dem ich lange mit mir gerungen habe, ob ich über ihn schreiben soll, um ihn dann womöglich von der falschen Seite zu beschreiben.Als er 1994 erstmals in einem italienschen Verlag erschien, war die bis heute kontroverse Salazardiktatur, in deren absoluter Hochzeit dieses Buch spielt, ziemlich genau seit 20 Jahren zu Ende.Genau wie in anderen Ländern, hatte auch in Portugal in den 20er und 30er Jahren ein Kampf der politischen und gesellschaftlichen Systeme stattgefunden. Genau wie in Spanien (und Deutschland) hatte ein nationalistisches Regime durch einen Putsch gegen eine junge Republik die Macht errungen und ebenso ähnelte die Politik des neuen Staates der seines iberischen Nachbarn: Gewahrte Neutralität, trotz Sympathie mit den Achsenmächten, genau wie Francos Spanien.1938 ist der spanische Bürgerkrieg noch nicht endgültig entschieden, während in Portugal sich die totalitäre Staatsstruktur bereits etabliert hat. Es gibt Zensur, militärische Präsens in den Städten und auch einige "ungeklärte" Todesfälle. Professor Pereira ist Kulturredakteur einer kleinen Zeitung, die erst neuerdings einen einseitigen Kulturteil herausbringt, den er deswegen noch alleine leitet. Er führt ein einfaches Leben, isst oft im selben Lokal, hat eine Herzkrankheit und ist in Erinnerungen und stillem Bedauern festgefahren; seine Frau starb sehr früh nach langer Krankheit, nun ist er allein. Er liest die frz. Schriftsteller des 19. Jahrhunderts und ist gläubiger Katholik.Sein auströpfelndes, fatalistisches Leben wird leise unterbrochen als er in einer Zeitung einen Artikel ' genauer eine Dissertation ' über den Tod liest. Beinahe umgehend ruft er den Autor an, um ihn zu den interessanten Ansichten zu beglückwünschen und ihm einen Job als Schreiber für die Nachrufe berühmte Schriftsteller anzubieten. Unwissendlicht weißt er mit diesem einen Anruf sein Leben in neue Bahnen, die ihn bis zum Ende des Buches unscheinbar, aber unaufhaltsam zu einer wichtigen Entscheidung bringen, die Entscheidung, die man vielleicht verstehen - aber vermutlich nicht erklären kann, denn dazu braucht es wohl ein ganzes Buch. Dieses Buch.Romane brauchen eine innere Sicherheit, egal ob es die Figur, die Sprache, der Witz oder die Form ist oder noch etwas ganz anderes, ansonsten werden sie langweilig oder man verliert den Bezug. Nur dann sind es gute Romane, wenn man nachher das Buch als Ganzes gestreift hat, nicht bloß sein Thema, seinen Hintergrund oder seine Charaktere. Man muss die Essenz des Werks stillschweigend gespürt haben, oft ruhig auch ohne sie zu verstehen."Erklärt Pereira" gehört zu diesen Büchern, die ihre Kraft und ihre Vollkommenheit aus der schlichten Tatsache ziehen, dass sie diese Essenz in sehr präsenter Weise innehaben. Ich habe mich von der Wirkung (wenn auch nicht thematisch) bei diesem Buch an Der Fremde von Camus erinnert gefühlt, auch ein Buch, das ich sehr schätze. Wie dieses Werk hat auch Tabucchis Roman eine kurze, eher knappe, aber doch unglaublich nachvollziehbare Lebendigkeit; der Roman scheut nicht die Wiederholung und die scheinbar belanglose Atmosphäre, denn genau wie bei Camus entsteht dadurch eine gewisse Spannung und man beginnt sich gleichzeitig in den Roman einzugewöhnen, man entwickelt quasi eine Affinität.Die letzte Sache, die dieses Buch mit dem von Camus gleich hat: Es steckt darin eine Geschichte, die man kennen sollte - und natürlich noch viel mehr. Wer miterleben will, wie sich das Schicksal aufs Nachdrücklichste holt, was es haben will, oder wie ein Mensch nicht verhehlen kann, was er bemerkt und wie er sich dadurch ändert, der ist z.B. mit diesem Buch ebenfalls gut beraten. Und es gäbe noch weit mehr Gründe, von denen sie selbst einen oder mehrere finden können; vielleicht ja in der wunderbar beschriebenen Sehnsucht die Pereira manchmal packt und ihn dazu bringt, Reue und Willen stark miteinander zu verknüpfen.