Todeshauch

Island Krimi. Originaltitel: Grafarthögn.
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In einer Baugrube am Stadtrand von Reykjavík werden menschliche Knochen gefunden. Wer ist der Tote, der hier verscharrt wurde? Wurde er lebendig begraben? Erlendur und seine Kollegen von der Kripo Reykjavík werden mit grausamen Details
konfrontiert. S … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Todeshauch
Autor/en: Arnaldur Indriðason

EAN: 9783838712635
Format:  EPUB
Island Krimi.
Originaltitel: Grafarthögn.
Familiy Sharing: Ja
Übersetzt von Coletta Bürling
Lübbe

22. Juli 2011 - epub eBook

Beschreibung

In einer Baugrube am Stadtrand von Reykjavík werden menschliche Knochen gefunden. Wer ist der Tote, der hier verscharrt wurde? Wurde er lebendig begraben? Erlendur und seine Kollegen von der Kripo Reykjavík werden mit grausamen Details
konfrontiert. Stück für Stück rollen sie Ereignisse aus der Vergangenheit auf und bringen Licht in eine menschliche Tragödie, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Während Erlendur mit Schrecknissen früherer Zeiten beschäftigt ist, kämpft
seine Tochter Eva Lind auf der Intensivstation um ihr Leben ... Todeshauch wurde mit dem Nordischen Preis für Kriminalliteratur 2003 ausgezeichnet!

Leseprobe

1

Die Kleine krabbelte vergnügt auf dem Boden herum. Als er ihr endlich das Teil, an dem sie zufrieden herumkaute, aus der Hand nehmen konnte, erkannte er gleich, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte.

Kurz zuvor hatte die Geburtstagsfeier unter wildem Juchhei ihren Höhepunkt erreicht. Der Pizzalieferant war gekommen, und die Jungs hatten sich mit Pizza voll gestopft, dazu Cola getrunken und dabei um die Wette gerülpst. Dann waren sie wie auf Kommando aufgesprungen und sausten jetzt wieder durch die Gegend; einige waren mit Maschinengewehren und Pistolen bewaffnet, die Kleineren hatten Autos oder Gummidinosaurier in den Händen. Er konnte nicht sagen, was hier gespielt wurde. Es ging anscheinend nur darum, so viel Krach wie möglich zu machen.

Die Mutter des Geburtstagskinds hatte angefangen, in der Mikrowelle Popcorn zu machen. Sie erklärte ihrem Sohn, dass sie etwas Ruhe in die Rasselbande bringen müsse und deshalb den Fernseher einschalten und ein Video einlegen wollte. Falls das nichts half, würden sie allesamt vor die Tür gesetzt. Der achte Geburtstag ihres Sohnes wurde jetzt bereits zum dritten Mal gefeiert, und so langsam reichte es. Die dritte Feier hintereinander. Zuerst war die ganze Familie in einem nicht ganz billigen Fastfood-Lokal essen gegangen. Dann kam die Einladung für Verwandte und Freunde – und das war schon fast wie bei einer Konfirmation gewesen. Und heute hatte der Junge seine Mitschüler und Freunde aus dem Viertel einladen dürfen.

Sie öffnete die Mikrowelle, holte die prallvolle Tüte mit Popcorn heraus und gab eine neue hinein, und sie dachte bei sich, dass sie sich das nächste Mal die Sache etwas einfacher machen würde. Nur eine einzige Einladung und damit basta. Genau wie früher, als sie klein gewesen war.

Es machte die Sache auch keineswegs besser, dass der junge
Mann auf dem Sofa im Wohnzimmer keinen Ton von sich gab. Sie hatte versucht, sich mit ihm zu unterhalten, hatte das aber bald drangegeben. Es machte sie einfach nervös, dass er da in ihrem Wohnzimmer herumsaß. Es wäre allerdings angesichts der lärmenden und tobenden Jungen auch schwierig gewesen, ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Er hatte ihr nicht angeboten, behilflich zu sein. Saß nur rum, starrte vor sich hin und schwieg. Der kommt noch um vor Schüchternheit, dachte sie bei sich.

Sie hatte ihn nie zuvor gesehen. Der Mann war um die fünfundzwanzig. Der große Bruder eines der Jungen, die ihr Sohn zur Geburtstagsfeier eingeladen hatte. Fast zwanzig Jahre Altersunterschied zwischen den Brüdern. Er war sehr schlank und hatte ihr im Eingang seine feuchte, feingliedrige Hand gereicht. Er war äußerst zurückhaltend gewesen, sagte nur, er wolle seinen kleinen Bruder abholen. Doch der Junge war nicht dazu zu bewegen, die Party zu verlassen, die noch in vollem Gange war. Sie hatte ihn gebeten hereinzukommen, weil es wohl nicht mehr lange dauern würde, wie sie sagte. Er erklärte ihr, dass seine Eltern, die in einem Reihenhaus etwas weiter unten in der Straße wohnten, im Ausland seien, und deswegen müsse er auf den kleinen Bruder aufpassen; normalerweise lebte er in einer Mietwohnung im Zentrum. Trat in der Tür verlegen von einem Fuß auf den anderen. Der kleine Bruder war inzwischen wieder ins Gewühl entwischt.

Jetzt saß der junge Mann auf dem Sofa und schaute zu, wie das einjährige Schwesterchen des Geburtstagskinds im Gang vor den Kinderzimmern über den Fußboden kroch. Sie hatte ein weißes Rüschenkleidchen an und eine Schleife im Haar. Sie quietschte vergnügt vor sich hin. Er hingegen verwünschte seinen kleinen Bruder. Ihm war es unangenehm, in diesem fremden Haus zu sein. Er überlegte, ob er seine Hilfe anbiet
en sollte. Die Frau hatte ihm gesagt, dass ihr Mann bis spät in die Nacht hinein arbeiten müsste. Er hatte genickt und versucht zu lächeln. Und sowohl Cola als auch Pizza dankend abgelehnt.

Er hatte bemerkt, dass das kleine Mädchen irgendein Spielzeug fest umklammert hielt, und als es sich auf den Popo setzte, fing es an, daran herumzunagen, und sabberte dabei gehörig. Wahrscheinlich zahnte sie und kaute deswegen auf dem Ding herum.

Mit diesem Spielzeug im Mund krabbelte die Kleine näher zu ihm hin, und er begann zu überlegen, was sie da wohl in der Hand hatte. Sie hörte auf zu kauen, schob sich auf dem Popo in Richtung Sofa und starrte ihn mit offenem Mund an. Vor lauter Aufregung lief ihr der Sabber schon bis auf das Lätzchen herunter. Dann steckte sie sich das Ding wieder in den Mund und kroch auf allen vieren zu ihm hin. Sie streckte sich vor, verzog dabei das Gesicht und quietschte so, dass ihr das Teil aus dem Mund fiel. Mit einiger Anstrengung bekam sie es wieder zu fassen, und da war sie schon direkt neben ihm, zog sich an der Sofalehne hoch und stand stolz auf unsicheren krummen Beinchen da.

Es gelang ihm, ihr das Ding wegzunehmen, und er betrachtete es. Die Kleine schaute ihn erst an, als würde sie ihren Augen nicht trauen, und dann brüllte sie aus Leibeskräften los. Er brauchte nicht lange, um festzustellen, dass es sich um einen menschlichen Knochen handelte, ein etwa zehn Zentimeter langes Endstück einer Rippe. Gelblich-weiß, länglich und an der Bruchstelle abgeschliffen, sodass es keine scharfen Spitzen mehr gab, und innen an der Bruchstelle waren dunkle Flecken wie von Erde.

Er vermutete, dass er den vorderen Teil einer Rippe in Händen hielt, und gleichzeitig war ihm klar, dass dieser Knochen nicht mehr der jüngste war.

Die Mutter hörte, dass das Mädchen wie am Spieß brüllte, und als sie ins Wohnzimmer schaute,
sah sie es bei dem Unbekannten neben dem Sofa stehen. Sie stellte die Schüssel mit dem Popcorn ab, ging zu ihrer Tochter und nahm sie auf den Arm. Sie schaute auf den Mann hinunter, der weder ihr noch dem plärrenden Kind Beachtung schenkte.

»Was ist denn hier los?«, fragte die Mutter besorgt und versuchte, ihr Kind zu trösten. Sie sprach laut, um den Lärm der Kindergesellschaft zu übertönen.

Der Mann schaute zu ihnen hoch, stand langsam auf und reichte der Mutter den Knochen.

»Wo hat sie das her?«, fragte er.

»Was?«, sagte sie.

»Den Knochen«, sagte er. »Wo hat sie diesen Knochen her?«

»Was für einen Knochen?«, fragte sie. Das Gebrüll des Kindes ließ etwas nach, als es den Knochen wieder erblickte. Die Kleine versuchte, nach ihm zu grapschen, und vor lauter Konzentration schielte sie, während ihr der Sabber aus dem weit geöffneten Mund träufelte. Das Kind bekam den Knochen zu fassen und betrachtete ihn fasziniert.

»Ich glaube, das ist ein Knochen«, sagte der Mann.

Das Kind steckte ihn in den Mund und war wieder friedlich geworden.

»Was redest du da von einem Knochen?«, fragte die Mutter.

»Sie nagt daran herum«, sagte er. »Ich glaube, es ist ein menschlicher Knochen.«

Die Mutter hielt ihr Kind fest, das wieder auf dem Knochen herumkaute.

»Das Ding hab ich noch nie gesehen. Was meinst du eigentlich damit, was für ein Menschenknochen?«

»Meiner Meinung nach ist das ein Stück aus einer menschlichen Rippe«, sagte er. »Ich studiere Medizin«, fügte er wie zur Erklärung hinzu, »fünftes Studienjahr.«

»Rippe? Was soll denn der Quatsch? Hast du das mitgebracht?«

»Ich? Nein. Weißt du nicht, woher das Din
g kommt?«

Die Mutter blickte auf ihr Kind, fuhr dann zusammen und riss der Kleinen den Knochen aus dem Mund und schleuderte ihn auf den Boden.

»Vielleicht weiß ihr Bruder …«

Er sah die Mutter an, die ihn ungläubig anstarrte. Dann blickte sie auf ihre Tochter, die wieder angefangen hatte zu brüllen. Dann auf den Knochen, und als Nächstes zum Fenster hinaus, wo man die halb fertigen Häuser ringsum sehen konnte, wieder auf den Knochen und den Unbekannten, und schließlich auf ihren Sohn, der aus einem der Kinderzimmer gelaufen kam.

»Tóti!«, rief sie, aber der Junge schenkte ihr keine Beachtung und lief einfach weiter. Sie stürzte sich hinter ihm her ins Kindergewimmel, und unter einigen Mühen gelang es ihr, ihren Tóti ins Wohnzimmer zu schleifen. Sie standen vor dem Medizinstudenten.

»Gehört das dir?«, fragte sie den Jungen, als der Mann ihm den Knochen reichte.

»Den hab ich gefunden«, sagte Tóti und wollte wieder weg, um nichts auf seiner Geburtstagsparty zu verpassen.

»Wo?«, fragte seine Mutter. Sie setzte das Kind auf dem Boden ab, die Kleine starrte zu ihr hoch und war sich nicht ganz sicher, ob sie erneut losbrüllen sollte oder nicht.

»Draußen«, sagte der Junge. »Das ist ein klasse Stein. Ich hab ihn sauber gemacht.« Der Junge war außer Atem. Ein Schweißtropfen lief ihm an der Wange hinunter.

»Wo draußen?«, fragte seine Mutter. »Wann? Was hast du gemacht?«

Der Junge warf seiner Mutter einen Blick zu. Er war sich nicht bewusst, etwas angestellt zu haben, aber so, wie sie dreinschaute, war es ganz bestimmt der Fall. Er überlegte angestrengt, was es nun schon wieder war.

»Gestern, glaube ich«, sagte er. »Auf dem Grundstück da hinten am Hügel. Ist
was nicht in Ordnung?«

Seine Mutter und der Unbekannte schauten sich an.

»Kannst du mir genau zeigen, wo du das gefunden hast?«, fragte sie.

»Och Mensch, und was ist dann mit der Party«, maulte er.

»Los!«, sagte seine Mutter. »Zeig uns, wo du das gefunden hast!«

Sie schnappte sich das kleine Mädchen vom Fußboden und schob den Jungen in Richtung Verandatür. Der junge Mann folgte ihnen auf dem Fuße. Die Rasselbande verstummte, als das Geburtstagskind quasi abgeführt wurde, und die Jungs...


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