Das Geschriebene gräbt sich ein, lässt einen nicht los, die Offenheit verblüfft und fasziniert zugleich ...
Die Antwort ist in diesem Fall recht einfach: äußerst nah. Viel näher geht es kaum, auch kaum intensiver, kaum nachhaltiger. Das Geschriebene gräbt sich ein, lässt einen nicht los, die Offenheit verblüfft und fasziniert zugleich. Hier schreibt jemand, der nichts verbergen möchte, der sein Innerstes preisgibt, ohne die äußere Form zu vernachlässigen. Die Lektüre dieses Buches ist ein Hochgenuss. Und mit Sicherheit ist es eines jener Bücher, die zu Lebzeiten einen besonderen Platz einnehmen werden - und von dem ich hoffe, dass es niemals entsorgt werden wird - auch wenn es den Autor nicht stört, "das Exemplare des Buches rasch im Abfall landen werden. Das ist der Lauf der Welt. Fünfzigtausend Wörter auf 350 Gramm Papier. Jetzt Altpapier - im Gegenwert von ungefähr zwei Cent." Kann man einer solchen Lebensgeschichte eine passende Überschrift geben? Eine, die sich eignet, um sowohl Inhalt als auch Qualität des Geschriebenen wiederzugeben? Schwerlich. Inhaltlich gelänge es vielleicht mit Folgendem: Persönlichkeitsbildung und Schreibwerkstatt aus dem Altpapiercontainer. So ungelenk wie unvollständig, und so gar nicht der emotionalen Wucht dieses Buches Rechnung tragend. Man liest nicht nur über dieses jahrelange, erfahrungsfördernde "Kreisen" um die Papiercontainer Wiens, sondern man ist hautnah dabei, wenn es um das Abtauchen in das scheinbar wertlos Gewordene geht, man nimmt Teil an dem Glück, wenn Dinge dem endgültigen Vergessen entrissen werden, wenn diese eine neue Bedeutung, einen neuen Wert bekommen und so dabei helfen Fragen an das eigene Leben zu beantworten.Es sind auch die intimen Details (über Beziehungen, Eltern), die dieses Buch nicht nur auflockern und gleichzeitig beschweren, sondern es in seiner Glaubwürdigkeit so verstärken, dass man allenthalben Anklänge an das eigene Leben sieht oder zumindest verspürt. Dieses Buch ist geeignet, das eigene Leben durch eine andere, durch eine besondere Brille zu sehen. Nicht umsonst habe ich in diesem Buch mehr unter- und angestrichen, mehr fett markiert und mit eigenen Notizen kommentiert als je in einem anderen literarischen Werk. Dieses Buch ist eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht, ja, man könnte sogar von einer Art Lebensseil sprechen, einem Seil, das man bei Bedarf zu sich ziehen kann, in der Gewissheit, nicht fallengelassen zu werden.Mehr kann man kaum von einem Buch erwarten. Aber nicht genug. Es sind auch die tiefgründigen Betrachtungen über so manches Phänomen der heutigen Zeit, die hier eine Ausdrucksform finden, die nicht einfach so daher gesagt erscheint, sondern man spürt förmlich: Hier hat nicht jemand im Trüben gefischt und ist dabei fündig geworden. Nein, hier hat sich jemand aus dem Konvolut von tausenden Lebensschnitzeln eine Lebensweisheit erarbeitet, die das Zeug hat, zu einer Art Maßstab zu werden: "Ich lege keinen Wert darauf, Leistung zu erbringen, ich lege nur Wert darauf, mein Leben besser zu verstehen." Und in diesem Verständnis ist es offensichtlich möglich ganz besondere Leistungen zu erbringen. Davon zeugt dieses grandiose Buch von Arno Geiger.(19.1.2023)