¿Das Wesen¿ von Arno Strobel. Ein Psychothriller zwischen Langeweile und Gänsehautfeeling. 3,5 ¿¿¿¿
"Das Wesen" von Arno Strobel hat mich mit ziemlich gemischten Gefühlen zurückgelassen. Die erste Hälfte hat mich überraschend oft ausgebremst, manchmal sogar an meiner Geduld zweifeln lassen - die zweite Hälfte dagegen hat mich plötzlich doch noch gepackt. Am Ende lande ich deshalb bei 3,5 ¿¿¿¿.Wer zu dem Buch "Die erste Zeugin", dem Auftakt der neuen Reihe "Ungelöst" von Arno Strobel, greifen möchte, sollte "Das Wesen" vorher lesen. Einige Figuren begegnen einem später wieder, und auch die Fälle scheinen enger miteinander verwoben zu sein, als es zunächst den Anschein hat. Für mich war genau diese Verbindung lange Zeit der einzige Faden, an dem ich mich festgehalten habe - der Grund, warum ich das Buch nicht doch irgendwann enttäuscht zur Seite gelegt habe.Und rückblickend bin ich froh, dass ich drangeblieben bin. Denn die erste Hälfte von "Das Wesen" hat es mir wirklich nicht leicht gemacht. Für einen Thriller blieb sie für mich erstaunlich blass. Spannung blitzte nur vereinzelt auf, die zwei Zeitebenen wirkten eher konstruiert als raffiniert, und die Erzählperspektive rund um Alexander Seifert ließ mich über weite Strecken seltsam auf Abstand. Gerade bei einem Thema, das eigentlich mitten ins Herz treffen müsste, habe ich kaum echte Nähe gespürt. Ich wollte mitfühlen, mitfiebern, mitzittern - aber lange kam da einfach zu wenig bei mir an. So weit also die erste Hälfte. Aber dann ...Ab der Mitte hätte ich meine Beschreibung fast komplett ins Gegenteil verkehren müssen. Plötzlich bekam die Geschichte Tempo, plötzlich waren da Druck, Beklemmung und eine Spannung, die ich vorher so schmerzlich vermisst hatte. Die Handlung bleibt stärker in der Gegenwart, die zweite Zeitebene tritt nur noch am Rand auf - aber es ist mehr als das. Auf einmal werden die Emotionen der Beteiligten greifbar. Auf einmal war ich drin in dieser Geschichte. Ich hatte beim Lesen stellenweise wirklich Gänsehaut, weil man spürt, wie perfide alles miteinander verknüpft ist. Man ahnt irgendwann, wer schuldig sein könnte, traut der eigenen Vermutung aber kaum, weil der Plan dahinter so grausam und durchdacht wirkt, dass man ihn nicht wahrhaben will. Die Sprache ist dabei nicht übermäßig brutal, aber das, was hinter der Geschichte steckt, trifft trotzdem. Und genau das hat mich am Ende doch noch erwischt. Bleibt zu hoffen, dass "Ungelöst" hält, was dieser Band in seiner zweiten Hälfte verspricht - ich freue mich darauf.Genau deshalb fällt mir die Bewertung gar nicht so leicht: Die erste Hälfte hätte von mir höchstens 1,5 Sterne bekommen, die zweite dagegen klare 4 Sterne. Insgesamt lande ich bei 3,5 Sternen - und bei einer Leseempfehlung mit Einschränkung. Wer bereit ist, sich durch den zähen Anfang zu kämpfen, wird später mit Spannung pur belohnt.