Ein wohlgestimmtes (teils vergnügliches) Werk, dass sich gut lesen lässt und zudem einige nachdenkenswerten Passagen bereithält ...
Es ist immer wieder erstaunlich, mit wie viel Verve der Autor sich einem zunächst abseitig erscheinenden Thema nähert - auch wenn dieser aktuelle Roman von Christoph Poschenrieder nicht ganz so fesselnd geschrieben ist, wie beispielsweise "Der Spiegelkasten" oder "Das Sandkorn". Lesenswert ist dieser Roman allemal - schon allein wegen seiner sprachlichen/stilistischen Eleganz.Wir tauchen ein in eine Zeit, die gerade mal hundert Jahre zurückliegt und in dem ein Krieg tobte, den man später den 1. Weltkrieg nennen würde, weil diesem ein noch weit größerer Weltenbrand folgen würde. Allerdings finden wir hier vom Schlachten(!)rummel nur Indirektes: "Da stehen, liegen, kauern Männer ohne - alles, was fehlen kann, und in allen Kombinationen: Männer ohne Nase, Augen, Mund [...] Verbrannte, Vergaste, Verkrümmte [...]." Hier geht es eher um den Beiklang, um das Drumherum, konkret: um die (Kriegs-)Schuldfrage. Noch konkreter: Um einen propagandistisch forcieren Beweis (in Romanform), dass es die Freimaurer waren, die zündelten und so die Welt in Brand setzten. Während "draußen" die Köpfe vom Rumpf getrennte werden, finden im Innern (politische) Spielchen statt. Diese Diskrepanz wird verkörpert durch den Literaten Gustav Meyrink (und einigen anderen Zeitgenossen wie den Schriftsteller Erich Mühsam), der erfolgsverwöhnt am Starnberger See residierend vom Auswärtigen Amt den Auftrag bekommt, dieses Werk in Szene zu setzen. Neben dem eher erfolglosen Bemühen diesem Auftrag genüge zu tun, sowie dem damit verbundenen Finden von Hinderungsgründen, wird man Zeuge von dessen zahlreichen Metamorphosen. Nicht nur seines Namens (von Meyer zu Meyrink), sondern jenen vom (erfolglosen) Banker, zum Alchimisten, Spiritisten und Okkultisten bis hin zum Schriftsteller (und "Yogianer"). Dies alles wird meist erzählt aus der Ich-Perspektive, eingestreut sind Außenansichten und sogenannte Recherchenotizen. Zusammen ergeben sie ein wohlgestimmtes (teils vergnügliches) Werk, dass sich gut lesen lässt und zudem einige nachdenkenswerte Passagen bereithält: "Verkündete Wahrheiten, ausgerufene Weisheiten sind nur das Zaumzeug, das man sich selbst willig anlegt. [...] Ohne Religion würden die meisten in einen Abgrund taumeln und zusammenbrechen wie Lahme, denen man die Krücken wegschlägt. Allerdings - man kann - man sollte - die Krücken selbst wegwerfen. Dann, wenn man reif genug ist zu akzeptieren, dass der Weg zur Erkenntnis mühsam sein kann."(4.10.2019)