Authentischer Roman über ein Künstlerleben im Abseits
Dagmar Fohl schreibt diesen Roman in der Ich-Form, damit erreicht sie einen noch größeren Effekt der emotionalen Betroffenheit beim Leser. Frieda Wächtler wird in Dresden geboren und wächst in einer kleinbürgerlichen Atmosphäre auf, die ihrem wilden Geist diametral entgegensteht. Der Vater züchtigt sie und die Mutter verschwindet hinter einer Wand aus Misstrauen und Entsetzen gegenüber der Tochter. Frieda macht sich mit 16 los von diesem Zuhause und gelangt in die Künstlerszene. Sie möchte malen lernen und versucht alles, um mit ihrem künstlerischen Talent auch Geld zu verdienen. Recht schnell lernt sie "Lohse" kennen, in der Künstlerszene sind sie bald ein Paar, aber die verhängnisvolle Beziehung verläuft bei Weitem nicht so, wie Frieda sich das vorgestellt hat. Trotzdem wird sie ihren Lohse heiraten und versuchen, das Beste aus dieser Ehe zu machen. Auch er züchtigt sie, sie streiten, schlagen und vertragen sich immer wieder, bis es zum Bruch kommt. Die räumliche Trennung endet damit, dass Frieda zu ihm nach Hamburg geht und ihn nach schwerster Krankheit gesund pflegt. Lohse aber nimmt eine andere (aus) und bekommt mit ihr drei Kinder. Frieda rutscht ab bis ins Obdachlosenmillieu und eines Tages findet sie sich auf einer psychiatrischen Station wieder. Sie hat Alpträume und Wahnvorstellungen, Angst- und Panikattacken lösen einander ab. Ihr einziger Halt in all den Jahren, seit sie das Zuhause in Dresden verließ, ist ihr jüngerer Bruder Hubert. Noch als er Kind war, hat Frieda immer wieder versucht, ihm ihre Freiheitsliebe und ihren Willen aufzudrücken. Er erweist sich als robuster als er aussieht und entwickelt sich trotz des bedrückenden Elternhauses gut. Immer wieder wird er Frieda besuchen und ihr auch Halt bieten.Als sie aus Hamburg flieht und bei den Eltern Unterschlupf sucht, verschließen diese sich - zu meinem großen Erstaunen - nicht. Sie nehmen sie auf und die Mutter päppelt Frieda wieder auf. Aber die psychotischen Zustände und Wahnvorstellungen kommen immer wieder, Frieda hat dem nichts entgegenzusetzen. Sie wird - auf Betreiben ihres Vaters - in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, das Leben in der Anstalt ist für sie die Hölle. Alle Bittbriefe an die Eltern helfen nichts, sie bleibt jahrelang eingesperrt in dieser Anstalt. Ihr Wunsch zu malen, immerzu zu malen, geht nur manchmal in Erfüllung. Die ärztliche Behandlung ist als solche nicht zu bezeichnen, wenn sie nicht spurt, wird sie ruhig gestellt, ansonsten hilft man ihr dort nicht.Sehr authentisch sind die Berichte aus dem Krankenhaus, genauso wurden diese verfasst, stereotype Sätze wie "Patientin ist sehr zerstreut" oder "Stimmungslabil, weinerlich." sind typisch für diese Verwahranstalten.Unterdessen ist Hitler an der Macht, psychisch Kranke sind den neuen Machthabern ein Dorn im Auge, die "Erbgesundheit des deutschen Volkes" ist gefährdet, heißt es. Menschen wie Frieda müssen hinter hohen Mauern bleiben, für sie ist kein Platz zwischen den "Erbgesunden" und "Ariern". 1935 erfolgt gegen Friedas Willen die Zwangssterilisation, die sie fast nicht überlebt. Von Lohse wird sie in diesem Jahr geschieden.Friedas Ende ist für uns, die wir die Geschichte kennen, vorhersehbar, für sie ist es das nicht. Sie hofft und hofft, dass sie die Freiheit wiedererlangt, aber im tiefsten Innersten wird sie gewusst haben, dass sie sterben muss. Am 31. Juli 1940 wird sie in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein vergast. Dieses Ende ist unendlich traurig. Einziger Lichtblick, einige der Ärzte und Pfleger wurden in einem Prozess in Dresden 1947 zum Tode bzw. zu langer Haft verurteilt. Hubert Wächtler trat beim Prozess als Zeuge auf.Für mich ist dieses Buch eine echte Entdeckung, wenn ich könnte, würde ich mich bei der Autorin persönlich bedanken. Ich kenne sie leider nicht, deshalb mache ich es auf diesem Wege. Danke für die Wahrheit!