
Besprechung vom 23.09.2025
Die Männlichkeit ist ein Pulverkeks, Schwester!
"Reservoir Bitches": Die Mexikanerin Dahlia de la Cerda schreibt über Gewalt gegen Frauen in einem maroden Staat
Mexiko ist einer der gefährlichsten Staaten der Erde, besonders für Frauen. Über 30.000 Opfer jährlich fordert allein der Krieg zwischen Staat und rivalisierenden Drogenkartellen mit geschätzt 175.000 Anhängern. Dazu kommen rund 800 Femizide pro Jahr, und laut einem UN-Bericht ist die Rate sexueller Gewalt gegen Frauen außerhalb von Beziehungen die höchste weltweit. Ein neues, besonders verstörendes Beispiel der Gefahr an Leib und Leben, der mexikanische Frauen täglich ausgesetzt sind, lieferte erst Mitte Mai dieses Jahres der Fall einer dreiundzwanzigjährigen Influencerin, die während eines Tiktok-Livestreams in einem Schönheitssalon im Bundesstaat Jalisco erschossen wurde - verdächtigt ist ihr Freund, der laut erster behördlicher Einschätzung aus Eifersucht handelte.
Um diese Lebensrealitäten sollte wissen, wer den Debütroman der 1985 geborenen Autorin Dahlia de la Cerda zur Hand nimmt. "Reservoir Bitches", so der offenbar an Quentin Tarantinos Gewaltdrama "Reservoir Dogs" angelehnte Titel, erzählt in dreizehn zum Teil miteinander korrespondierenden Kapiteln in verstörender Nahaufnahme vom Alltag seiner Protagonistinnen, der durch Elend, Gewalt, Rache und Selbstsucht geprägt ist. "Nota roja" (dt.: "rote Notiz"), so lautet ein journalistisches Genre in Mexiko, das sich auf die besonders plastische und morbide Darstellung von Gewalt und Elend verlegt, um so nachdrücklich Aufmerksamkeit zu generieren. Populäre Autoren wie Carlos Monsiváis oder Jorge Ibargüengoitia Antillón überführten diesen Ansatz bereits in den Achtzigerjahren in die Literatur, und auch Dahlia de la Cerda gibt zu Protokoll, sie wolle die Lebensrealität mexikanischer Frauen so darstellen, dass sie "für jeden zugänglich ist wie ein Hot-Dog-Wagen". Das Anfangskapitel "Petersilie und Coca-Cola" erzählt in noch vergleichsweise mildem Ton von der Abtreibung einer jungen Frau, die, um die Rente ihrer früh verstorbenen Mutter einzuklagen, den Anwalt mit Sex bezahlen musste. "Meiner Abtreibung fehlte es eindeutig an Dramatik, außerdem ärgerte es mich, dass mir ausgerechnet jetzt zum ersten Mal im Leben etwas gelang", resümiert sie, während sie eine "Hauttasche, so groß wie mein kleiner Finger, mit einem blass rosafarbenen Böhnchen darin" die Toilette herunterspült. Leserinnen und Leser von de la Cerdas hyperrealistischer Drastik müssen hartgesotten sein.
Mit ihrem Debütroman, der es in der englischen Übersetzung bis auf die Longlist des diesjährigen Booker-Preises schaffte, arbeitete die Autorin und feministische Aktivistin einen Femizid, den sie in der eigenen Familie miterleben musste, literarisch auf. Nicht alle Frauen in de la Cerdas Episodenroman verlieren ihr Leben, auf die eine oder andere Art gelingt es einigen unter ihnen, die Kontrolle über ihr Schicksal zu behalten, manchen sogar bis über den eigenen Tod hinaus. Yuliana etwa ist die Tochter eines mächtigen Drogenbosses, die abgeschieden und streng bewacht auf einem Luxusanwesen in den Bergen aufwächst. Als sie auf ihrer Eliteschule als unzivilisierte Neureiche verunglimpft wird, schickt Yuliana ihren Bodyguard zum Friseur ihrer Feindin, der dieser unter vorgehaltener Pistole eine Glatze schneidet - im Land superreicher "reservoir bitches" kommt das freilich der Todesstrafe gleich. Yuliana führt in ihrem "Nest aus Diamanten" ansonsten ein recht tristes, krankhaft konsumfixiertes Leben. Im Alter von 22 Jahren hat sie sich bereits mittels 20 Schönheitsoperationen aufzuhübschen versucht. Bis sie eines Tages Regina aus einer Politikerfamilie kennenlernt, die "superdicke mit den Töchtern des Präsidenten ist". Den nun folgen Handlungsablauf zwischen grotesker Eitelkeit, Eifersucht, Mord und blutiger Rache (mithilfe einer nahkampferprobten Helferin aus dem Armutsmilieu) erzählt Dahlia de la Cerda aus verschiedenen Perspektiven. Das ist nicht nur erzählerisch sehr gelungen, es führt auch die Verknüpfung zwischen Drogenhandel und Politik sowie die Bedeutung krimineller Kartelle für den sozialen Aufstieg in Mexiko vor Augen.
Die Frauenfiguren in Dahlia de la Cerda hochdrehendem "Roman in Storys" werden einerseits Opfer brutaler patriarchaler Unterdrückung, nutzen aber zugleich die in Mexiko grassierende Gewaltkultur auch geschickt für ihre eigenen Zwecke. Constanza etwa wurde seit ihrer Kindheit auf ein Leben an der Macht vorbereitet und trimmt ihr Onlineimage an der Seite des zukünftigen "Justin Trudeau Mexikos" auf "weniger Angela Merkel, mehr Michelle Obama". Als ein Journalist ihr dann mit der Veröffentlichung pikanter Aufnahmen früherer Sexeskapaden droht, lässt sie ihn kurzerhand umlegen, wenngleich sie den Einsatz für Demokratie und Menschenrechte doch eigentlich als hübsches Accessoire ihrer Selbstinszenierung als First Lady vorgesehen hatte. Die Farben, in denen de la Cerda ihre Figuren malt, sind grell, ganz so, wie es sich für sensationsorientierte "rote Notizen" über Gewalt und Staatsversagen in Mexiko gehört. Das gilt übrigens auch und gerade für die Underdogs in ihren Geschichten, etwa transsexuelle Prostituierte, die, von zu Hause verstoßen, später misshandelt und zerstückelt auf einer Müllkippe enden. Immer weiter dreht Dahlia de la Cerda die Spirale derber Obszönitäten und gröbster Gewalt, zeigt Mexiko als "frauenfressendes Monster" und listet seitenlang verstörende Zeitungsschlagzeilen über vergewaltigte, ermordete oder verschwundenen Frauen auf. Am Ende bleibt der Zweifel, inwiefern dieses Buch eigentlich eher ein Aufschrei der Aktivistin oder vielmehr eine bewusst bittere Wirklichkeitsübersteuerung der Autorin de la Cerda ist. CORNELIUS WÜLLENKEMPER
Dahlia de la Cerda:
"Reservoir Bitches".
Roman in Storys.
Aus dem mexikanischen Spanisch von Johanna Malcher. Culturbooks Verlag, Hamburg 2025. 184 S., geb.
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