Ich habe "Feine Risse" von Elisa Hoven als Hörbuch gehört, gelesen von Nina Kunzendorf.Eva Herbergen und ihr Ehemann Peter wollen sich so langsam in den Ruhestand verabschieden. Er muss, was ihm äußerst schwer fällt, sie will. Eva ist erfolgreiche Strafverteidigerin. Sie kennt den schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge ihrer Klienten, sucht selbst nach der Wahrheit. Umso überraschender ist es für Eva und Peter, als ein Fall auch ihr Familienleben überschattet.Da ich selbst beruflich und privat von Juristen und Juristinnen "umzingelt" bin, konnte ich die Gedankengänge von Eva gut nachvollziehen. Hier merkt man genau, dass die Autorin vom Fach ist. Sie schildert den Zwiespalt zwischen Anwalt und Mandant: Erzählt der Mandant die Wahrheit? Oder erzählt er trotz Schweigepflicht nur die halbe Wahrheit oder lügt er? Die Autorin schildert am Beispiel von verschiedenen Fällen, wie nah die Grenzen zwischen Wahrheit und der subjektiven Wahrnehmung der Beteiligten ist. Hoven macht aber auch deutlich, dass die persönliche Biografie eines Straffälligen kein Grund für eine Straftat ist und sein darf. Bei aller fachlichen Kompetenz lässt die Autorin aber auch die Spannung nicht zu kurz kommen, was den Roman nicht in den Bereich Fachliteratur abdriften lässt.In einer Zeit, in der viele Menschen Urteile als nicht gerecht empfinden, ist dieser Roman umso wichtiger. Er zeigt Hintergründe auf und erläutert gleichermaßen, dass ein Mensch als unschuldig gilt, solange seine Schuld nicht erwiesen ist. Der Roman bietet in vielfältiger Weise Denkanstöße.Nina Kunzendorf liest gut und interpretiert die Denkweise von Eva Herbergen deutlich und klar. Ich habe ihr gerne gelauscht.Mich hat das (Hör)Buch fasziniert, ich empfehle es sehr gerne weiter. Es ist unterhaltsam und fachlich fundiert! 5Sterne und die Hoffnung auf ein weiteres Buch der Autorin!