Fünf oder sechs Bücher in einem vereint dieses monumentale Opus - etwa drei davon fand ich gut.
Es steckt schon eine ganze Menge drin in diesem Buch - was einen nicht weiter verwundern darf angesichts des Umfangs.Laut der Erzählstimme geht es um den Helden Alexej Karamasow, einen jungen Novizen, der im örtlichen Kloster nach Richtung für sein weiteres Leben sucht. Tatsächlich aber spielen Alexejs ältere Brüder keine geringere Rolle in der Handlung: der rational-intellektuelle Journalist Iwan und der älteste, Dimitri, ein Offizier, der gern auf großem Fuß lebt.Der Vater, Fjodor, ist ein ausgemachter Kotzbrocken, dem eine Ehefrau davongelaufen und die andere gestorben ist und der sich keinen Deut um seine Söhne gekümmert hat, die von Bediensteten oder wohlmeinenden Tanten versorgt und erzogen wurden, während der Vater sich seinen Geschäften und dem Suff hingab.Nun - nach etwas mehr als der Hälfte des Buches - wird der Vater erschlagen in seiner Stube aufgefunden, ein ominöser Briefumschlag, der dreitausend Rubel enthalten soll, ist geöffnet und leer. Der Verdacht richtet sich auf Dimitri, den Ältesten, dessen Geldsorgen dramatisch und stadtbekannt sind und der mit dem Alten in bitterem Streit um sein Erbteil lag und der schon angedroht hatte, seinen Vater irgendwann zu erschlagen. In einem furiosen Gerichtsverfahren wird Dimitri schließlich verurteilt - wir Leser wissen: unschuldigerweise.Die Kriminalhandlung um den Tod des alten Karamasow und die Überlegungen, die im Rahmen der Ermittlungen angestellt werden, wirken erstaunlich schlüssig und clever und halten auch beim heutigen Lesen noch stand. Für 1882 ist das bemerkenswert - war doch zu dieser Zeit Sherlock Holmes noch nicht erdacht und Agatha Christie und Dorothy Sayers waren nicht einmal geboren! Auch das anschließende Gerichtsdrama mit den Argumenten von Staatsanwalt und Verteidiger hat Pfeffer - wahrscheinlich ist es das erste seines Genres in der Literaturgeschichte, wenn man mal von Kleists "Zerbrochnem Krug" absieht.Dostojewski hat in diesem letzten Roman alles untergebracht, was er sich von der Seele schreiben wollte. Und so findet sich neben dem Krimi vor allem auch eine Art Lebensbeichte. Die drei Brüder spiegeln die Seelenteile ihres Schöpfers: Der sinnsuchende religiöse Alexej, der zynische und abgebrühte Philosoph und Staatstheoretiker Iwan und vor allem der leidenschaftliche, impulsive und erratische Verschwender Dimitri. Wie Dostojewski ihn in seiner Trunksucht und Verschwendung punktgenau schildert, wie der Autor, der selbst mit seiner Spielsucht und der Unfähigkeit mit Geld umzugehen, seine eigene Familie mehrmals in den Ruin gestürzt hat, hier das Psychogramm eines derartigen Charakters zeichnet, das hat mich beeindruckt.Sigmund Freud hat die Brüder Karamasow über den grünen Klee gelobt. Kein Wunder, finden wir hier doch Psychoanalyse vom Feinsten (bei den Brüdern), aber auch vom Gröbsten: Die überspannten, "hysterischen" Frauengestalten Katja und Gruschenka, dazu die von sadomasochistischen Fantasien getriebene Lisa - das ist natürlich ein Fest für den alten Saubären Freud. Ich fand diese Teile allerdings anstrengend und äußerst unglaubwürdig.Dazu packt Dostojewski ohne Rücksicht auf Verluste die Diskussion weiterer Themen in die Geschichte, zum Teil als Story in der Story. So etwa die Erzählung vom "Großinquisitor", in der Iwan einen auferstandenen Christus in das Spanien der Inquisition erscheinen lässt, der die wohlgeordnete Welt einer klerikalen Gesellschaft mit seinen urchristlichen Idealen nur stört. Dazu die Lebensgeschichte der alten Mönches Sossima, in der Dostojewski wohl eigene Begegnungen mit einem derartigen Mann hat einfließen lassen, der ihn sehr beeindruckt haben muss. Mit diesem Ringen um das Verhältnis von Staat und Religion, mit dem verzweifelten Grübeln nach der Existenz und Bedeutung Gottes in unserer schnöden schlechten Welt, verbringt er viele Seiten, und mich lassen diese Überlegungen merkwürdig kalt.Dostojewski hat in den "Brüdern Karamasow" fünf oder sechs Romane zwischen zwei Buchdeckeln untergebracht und drei oder vier davon habe ich mit Gewinn und Freude gelesen.