
Spätestens seit dem Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan und dem russischen Überfall auf die Ukraine wissen wir, dass die bislang geltende Ordnung an ihr Ende gekommen ist. Die Welt ist in Aufruhr. Doch wie wird sie sich neu sortieren, und wie wird sie im 21. Jahrhundert aussehen? Vor welchen Umwälzungen, Brüchen und Umbrüchen stehen wir?
Eine auf Werten und Normen fußende Weltordnung durchzusetzen, übersteigt die Fähigkeiten des Westens. Die USA, einst «Weltpolizist», befinden sich trotz internationalen Engagements auf dem Rückzug; die UN, der man diese Rolle ebenfalls zugedacht hatte, blockiert sich selbst. Und die Europäer sind schlicht nicht imstande, eine Weltordnung zu hüten. Eine prekäre, risikoreiche Lage, in der auch ein Blick in die Geschichte und auf frühere weltpolitische Konstellationen hilfreich ist, um Hinweise auf die künftige, sich jetzt herausbildende Ordnung zu erhalten.
Herfried Münkler zeigt in dieser gedankenfunkelnden geopolitischen Analyse, wo in Zukunft die Konfliktlinien verlaufen. Viel spricht dafür, dass ein neues System regionaler Einflusszonen entsteht, dominiert von fünf Großmächten. Wo liegen die Gefahren dieser neuen Ordnung, wo ihre Chancen? Wäre es ein austariertes Mächtegleichgewicht - oder Chaos? Und wie sollten sich Europa und Deutschland in den zu erwartenden globalen Auseinandersetzungen verhalten? Ein aufregender, Maßstäbe setzender Ausblick auf die Machtkonstellationen im 21. Jahrhundert.
Besprechung vom 26.05.2026
Die neue Weltordnung
Nicht zwei, eher fünf Machtpole prägen die Welt
Wenig tut in diesen wirren Zeiten mehr Not, als sich über den eigenen Standort klar zu werden. Dabei hilft es, einen Blick auf das Große und Ganze zu werfen. Dafür braucht es Menschen, die die Welt ins Auge fassen, das Wichtige vom Unwichtigen trennen und die Vergangenheit kennen. Der Politikwissenschaftler Volker Perthes hat seinen Blick über Jahre als Vorsitzender der Stiftung Wissenschaft und Politik geschärft. So ist sein Buch "Die Multipolarisierung der Welt" durchaus als vorläufiges Fazit einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit den großen Themen der Zeit zu verstehen. Es steht in einer Reihe mit Herfried Münklers "Welt in Aufruhr. Die Ordnung der Mächte im 21. Jahrhundert", in der er mit Blick auf die kommenden Ordnungsmächte von der "Pentarchie des 21. Jahrhunderts" schreibt.
Auch Perthes "geopolitischer Wegweiser" geht von einer Multipolarisierung der Welt aus, die, "auf globaler Ebene durch vier oder fünf Machtpole geprägt, gleichzeitig aber auf unterschiedlichen Ebenen polarisiert, also durch geopolitische Konkurrenzen gekennzeichnet sein wird". Ein bipolares Konzept, das derzeit aller Wahrscheinlichkeit nach Washington und Peking als Machtzentren in den Mittelpunkt rückte, werde der "Komplexität der Welt, in der wir uns befinden" nicht gerecht. "Es übersieht, dass andere Staaten, die oft als mittlere Mächte, regionale Führungsmächte, Gestaltungsmächte oder auch als 'swing states' bezeichnet werden, keineswegs nur sekundäre Akteure sind, die auf die Interaktionen der Weltmächte reagieren oder sich dazu positionieren, sondern selbst aktiv und interessengeleitet zu weltpolitisch relevanten Entwicklungen (und zu multiplen Polarisierungen) beitragen."
Die Folge liegt für den Wissenschaftler, der auch UN-Sondergesandter im Sudan war, auf der Hand: Er schildert diese Mittelmächte und die Regionen, in denen sie agieren; den indischen "Pol im Werden", die "unvollständige Weltmacht" Europäische Union oder den "Wettlauf der Mächte" in Afrika. Hier liegt die Stärke des Buchs. Dem Autor gelingt es über weite Strecken, die Fülle der Details zu lesbaren, nachvollziehenden Strängen zu bündeln.
Bücher können nicht perfekt sein. So auch Perthes "Multipolarisierung": zwei kleine Karten erscheinen zufällig eingestreut, das Buch besteht ansonsten aus nichts als - lesenswertem - analytischem Text. Die Tabellensammlung am Schluss ist für einen ersten Eindruck hilfreich, zeigt aber auch, wie vergänglich Zahlen in diesen Zeiten und damit auch in solchen Büchern sind - die genannten Rüstungsausgaben der USA etwa geben einen falschen Eindruck, da sie schon im nächsten Jahr um 50 Prozent steigen sollen. Auch Perthes wird vom Schicksal aller getroffen, die zeitgeschichtliche Bücher schreiben: Die Weltgeschichte dreht sich schneller als die Druckmaschinen. Donald Trumps Angriff auf Iran und dessen Sperren der Straße von Hormus mit seinen weltumspannenden Folgen bedroht weitere Millionen Menschen mit Armut und kann Gewichte verändern. Er verschiebt Bedeutung und Einfluss von Mittelmächten, verzögert aber auch Projekte, wie den von Perthes hoffnungsvoll skizzierten India-Middle East-Europe Corridor (IMEC). Dass der Autor dabei das "Economic" im Namen des Korridors unterschlägt, ist eine seiner wenigen Nachlässigkeiten.
Das aber sind Nebensächlichkeiten. Der Schwachpunkt der "Multipolarisierung der Welt" liegt im Vorhaben: denn auch der Fachmann Perthes erliegt der Versuchung, am Ende seiner groß angelegten Untersuchung Empfehlungen zu geben, die auf den Tischen der ihn lesenden Bundestagsabgeordneten oder Beamten in Brüssel längst liegen. Anders gesagt: Das Buch ist anspruchsvoll, verlangt nach einem Bleistift bei der Lektüre - das ist gut so. Dann aber sollte der Autor die selbst gewählte Flughöhe auch im Schlusskapital halten. "Um es abschließend noch einmal auf den Kern zu bringen: Für Deutschland und die EU stellt die multipolare Entwicklung der Welt eine systemische Veränderung dar, mit der es realistisch und selbstbewusst umzugehen gilt", heißt es dort. An einem solchen Satz wäre nichts auszusetzen - wenn er nicht von einem der führenden Politikwissenschaftler am Ende einer tiefgehenden Analyse der Weltlage stünde.
So schwammig geht es leider weiter: Verantwortliche Politik müsse populistischen Versuchungen widerstehen, fordert Perthes - recht hat er. Aber wie das in Zeiten der AfD gelingen soll, erklärt er nicht. Zuvor schreibt er, "Recht ohne Macht" bleibe schwach, "Macht ohne Recht" aber schaffe Tyrannei. Und nun? Spricht sich der Außenpolitiker Perthes angesichts der wachsenden Herausforderungen in der skizzierten multipolaren Welt für Stärke durch Aufrüstung aus? Und wenn, wie sollte sie bezahlt werden in einem Deutschland, das vor riesigen finanziellen Herausforderungen steht, ohne eben dem Populismus Tür und Tor zu öffnen? An dieser Stelle etwa wurde Münkler in einem Beitrag für F.A.Z. Premium Weltwirtschaft deutlicher: "Wie auch immer die europäische Entwicklung weitergehen wird: Es wird eine sein, bei der Europa global vorerst keine Rolle spielt. Sein marginaler Einfluss auf die Entwicklung im Nahen Osten zeigt im Kleinen, was im Großen zu erwarten ist."
Über gut klingende Forderungen kommt Perthes nicht hinaus. Den richtigen Pfad in der multipolaren Welt kann auch er nicht weisen. Die Schwäche seines Buches liegt im Ende. Auf den 270 Seiten zuvor aber liefert er eines der grundlegenden Werke, um diese multipolare Welt kennenzulernen. Und sich dann sein eigenes Urteil zu bilden. CHRISTOPH HEIN
Volker Perthes: Die Multipolarisierung der Welt - Ein geopolitischer Wegweiser. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026, 351 Seiten
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