Soichiro Kaji genießt bei seinen Kollegen ein hohes Ansehen. Er ist als Ausbilder tätig und leistet gute Arbeit. Umso entsetzter sind sie als Kaji eines Tages die Wache betritt und angibt, er habe seine Frau getötet. Wie kann das sein? Dieser Polizist ohne Fehl und Tadel. Nun, seine Frau war an einer früh beginnenden Form von Alzheimer erkrankt und sie hat ihn angefleht, sie sterben zu lassen. Ein klarer Fall denkt der Ermittler Kazumasa Shiki. Aber warum hat sich Kaji erst zwei volle Tage nach der Tat gestellt? Es gehört wohl mit zu dem schwersten, was man erleben oder erleiden kann. Die eigene Frau so verändert zu sehen, sie in einem lichten Moment bitten zu hören, dass sie sterben möchte, dass man ihrem Verlangen tatsächlich nachgibt. Dann muss man damit leben, dass man jemanden umgebracht hat. Wäre ihr Zustand immer schlechter geworden, hätte er damit auch leben müssen. Und dann diese Lücke in der Erzählung. Kaji bleibt standhaft und sagt nicht, was er gemacht hat. Damit die Ermittler nicht ihr Gesicht verlieren, widerspricht er einer bestimmten Version nicht. Shiki vermutet aber mehr hinter dem Schweigen und er will unbedingt herausbringen, was die Kalligrafie "Der Mensch lebt fünfzig Jahre" für eine Bedeutung hat.Dieser Kriminalroman ist etwas anders und damit auch ungewöhnlich und ansprechend im Aufbau. Aus verschiedenen Sichtweisen berichten verschiedene Personen wie sie die Ereignisse erleben. Sie alle stehen irgendwie dem Schweigen dieses guten ehemaligen Polizisten gegenüber. Und doch kann man sich beim Lesen eine Geschichte zusammenreimen. Man erfährt ein wenig über die Strukturen bei Polizei und Gerichten in Japan, befremdlich und doch faszinierend. Und man fragt sich, wieso was hat er in der fehlenden Zeit gemacht und welche Bedeutung hat die Fünfzig. Man ist gefesselt bei der Lektüre, denn jedes Kapitel offenbart eine weitere Facette. Und wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, gibt es am Ende eine Überraschung. Gleich spannend sind die Kapitel natürlich nicht, aber das Konzept ist so gut ausgestaltet, dass man am Ende zu dem Ergebnis kommt, dass das etwas besonderes war. 4,5 Sterne