Am 19. Mai dieses Jahres erschien im Cinna-Verlag die neue Dark Romantasy "Threadcut" von Isabelle North. Vor- und Nachsatz enthalten ein Charakterbild sowie eine Karte von Hades' Reich, welche uns erlaubt, die Reise der Protagonisten zu verfolgen. Vorne im Buch befindet sich außerdem eine umfassende Contentwarnung, welche die angegebene Altersempfehlung (ab 16 Jahren) rechtfertigt. Zu Kapitelbeginn gibt es jeweils eine schöne Illustration, und auch unterschiedliche Schriftarten kommen zum Einsatz - insgesamt eine liebevolle, ansprechende Aufmachung.Erzählt wird aus den Perspektiven der beiden Hauptfiguren, die jeweils zu Kapitelbeginn angegeben werden - außerdem erhält auch jeder Charakter eine eigene Illustration, sodass man nie den Überblick verliert. Die Geschichte spielt in der Moderne und folgt der 18-jährigen Yuna, die an der Kansas City University studiert. Sie besitzt eine besondere Gabe: Bei Berührung sieht sie den Tod einer Person, deren verbleibende Lebenszeit sich zudem in der Farbe eines Fadens widerspiegelt - ein wirklich originelles Fantasy-Element. Als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, schließt Yuna, entschlossen, sie auf keinen Fall zu verlieren, einen Pakt mit dem Halbgott Zenon und macht sich auf eine Reise, im Verlauf derer sie nach und nach ihre wahre Natur und Fähigkeiten entdecken wird.Thematisch ist "Threadcut" stark von der griechischen Mythologie inspiriert: die Moiren, Hades, Minos, das Elysium und der Tartaros, Dämonen, die Hydra und der Fährmann finden allesamt ihren Weg in die Geschichte. Die Unterwelt selbst wird dabei interessanterweise nicht so dargestellt, wie man es erwarten würde, sondern wirkt zunächst überraschend normal -wenn man einmal von dem lilafarbenen Himmel absieht. Allerdings ist die Prämisse, eine Reise in die Unterwelt zur Verhandlung um die Seele eines Geliebten, aus Film und Literatur bereits bekannt und bringt entsprechend wenig Neues.Sprachlich überrascht die Autorin dagegen mit einer weniger konservativen Wortwahl. Kraftausdrücke kommen auffällig häufig vor (beispielsweise wurde der Ausdruck "verfickt¿ auf einer einzigen Seite dreimal verwendet), dazu wird viel Umgangssprache, einige Anglizismen und Halbsätze verwendet. Leider stört dies eher den Lesefluss und will nicht so recht zum antiken, mythologischen Setting zwischen Olymp und Unterwelt passen. Verstärkt wird dieser Kontrast durch zahlreiche reale Bezüge - es werden echte Songs, Interpreten und Autoren genannt, ebenso Netflix und andere Plattformen. Das erleichtert zwar das Eintauchen in die Geschichte, wirkt neben dem antiken Setting aber auch etwas deplatziert. Eine nette Idee sind dagegen die Liebesbriefe zwischen den Figuren Fate und Bones, mit denen viele Kapitel enden. Dabei wird die Identität dieser beiden mysteriösen Charaktere erst ganz am Ende der Geschichte aufgelöst, was wiederum für etwas Spannung sorgt.Der Spice-Level fällt in "Threadcut" recht hoch aus: Es kommt zu sehr expliziten Sexszenen, auch Fetische und Spielzeuge finden Erwähnung. Sexuelle Spannungen und Andeutungen prägen die Beziehung zwischen Yuna und Zenon. Der Fokus liegt hier allerdings hauptsächlich auf Äußerlichkeiten und nicht auf tiefgehenden Bekundungen von Liebe und Sentimentalitäten, was meiner Meinung nach verhindert, sich wahrhaftig in die beiden Figuren einzufühlen und sich auf ihre Romanze einzulassen.Ein zweiter Teil ist eher nicht zu erwarten, da die Handlungsstränge der Geschichte am Ende sauber zusammenlaufen - offene Fragen bleiben keine zurück.Yuna ist als Protagonistin mit ihren bunt gefärbten Haaren und ihrer Stärke durchaus eine sympathische Heldin, mit der sich einige Leserinnen sicherlich identifizieren könnten. Leider konnte mich das Buch trotzdem nicht vollends überzeugen, da sich beim Lesen kaum große Gefühle für Yuna und Zenon aufbauen - ihre Beziehung beruht hauptsächlich auf Oberflächlichkeiten und wird in ihrer Tiefe nicht ausreichend beschrieben. Auch die Wortwahl der Autorin, die meiner Meinung nach nicht recht mit dem Setting vereinbar ist, trübt den Lesegenuss. Alles in allem ein Buch mit hübscher Aufmachung und kreativen Fantasy-Ideen, das mich aber aufgrund der sprachlichen Brüche und der etwas oberflächlichen Beziehung der Hauptfiguren nicht mitreißen konnte.