"Denn man verliebt sich nicht in eine Idee von Liebe - man verliebt sich in einen anderen Menschen."Jean CocteauEs ist schwer in Liebe oder Sexualität über Grenzen zu reden (solange niemand zu etwas gezwungen wird, das er nicht will - das als ganz klare Einschränkung!). Falsch und richtig orientieren sich hier ansonsten (wie so oft) nach der größtmöglichen Einheit, also: desto mehr Leute etwas falsch finden, umso mehr wird es als falsch angesehen. Wenn es allerdings zu solch heiklen Themen wie Inzest oder auch z.B. einer Beziehung im Abhängigkeitsverhältnis kommt, betritt man eine Grauzone; moralische Komponenten haben hier ebenso wenig einen festen Standpunkt wie die verbotene Liebe selbst.Es gibt hier bereist vielerlei Rezensionen und ich habe sowohl positive als auch negative gelesen, die mir sehr gut gefallen haben. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man darstellen kann, warum dieses Buch wichtig ist und weshalb es trotzdem keineswegs eine ideale Lektüre ist, wenn man will, dass das Thema wirklich als sozial-moralische Schwierigkeit, als ein Konflikt, in den Blickpunkt gerückt wird.Fangen wir so an: Es ist eine Tatsache, dass Liebe (primär in der Pubertät) oft einer sehr indifferenten Wahrnehmung gleicht - oder, um es platter zu sagen: einem Rausch, zumindest am Anfang, in der Verliebtheit. Erste Liebe und erste Sexualität mit einem anderen Mensche, dass sind meist, bis sie geschehen, Dinge solcher Unermesslichkeit, dass ihr Eintreten in das Leben einer solch wesentlichen Erfahrung gleicht, dass sie kurzzeitig alles zu überschatten weiß - ich würde behaupten, dass fast niemand in seiner ersten pubertären Liebe in allen Bereichen rational bleibt.Jetzt stelle man sich vor, dass man sich auch noch in einen Menschen verliebt, der für einen wirklich unerreichbar und einem doch gleichsam unglaublich nah ist; wo also die Möglichkeit, das Verlangen und die Zuneigung zu leben, nicht durch den Schritt blockiert wird, den man auf jemanden zu tun muss, sondern in der Haltung, dem Gedanken liegt, die dieser Schritt ausdrücken würde. Liebe zeigt uns immer wieder die zärtlichsten Seiten unserse Wesen, aber sie beweist auch immer wieder, dass Menschen keine vollständig empirischen Lebewesen sind, sondern auch radikale (radikal ist hier in Verwandtschaft zu unüberlegt, unvorhergesehen, unvernünftig, widersinnig, leidenschaftlich etc. zu verstehen) und unwägbare Neigungen haben und sich vor allen Dingen selbst nicht bis ins letzte so definieren können, dass alles in ihren Empfindungen und Handlungen einer stets stabilen Logik unterworfen ist. Gerade jugendliche Liebe zieht ja auch ihre Magie weniger aus der Reflexion als aus der Erfahrung.In einigen Rezensionen (so auch der wirklich hervorragenden Rezension von "Andreas") wurde bemängelt, dass die beiden Protagonisten sich nicht richtig mit ihren Verfehlungen auseinandersetzen und das zu wenig kritisch hinterfragt würde. Daran mögen sich die Geister scheiden, zumal es ja ein Jugendbuch ist und keine Abhandlung oder ein psychologischer Roman.Ich persönlich finde, dass Jana Frey letztlich zu Recht der sicherlich ebenfalls sehr interessanten psychologischen Variante, eine menschlichere vorgezogen hat. Ihre Protagonisten sind beide 16, Zwillinge und dementsprechend hat sie ihr Buch geschrieben, was natürlich zu einigen Kopfschüttelmomenten, manchmal zur Fassungs- und Ungläubigkeit führen mag, aber nur wenn man sich über die beiden Figuren aufschwingt und nicht stattdessen versucht, sie zu verstehen.Eine Geschichte, dass ist meine feste Überzeugung, muss so erzählt werden, wie sie erzählt werden muss. Man kann natürlich sagen: Nein, ich baue keine Sexszenen ein, nein, ich werfe die beiden nicht ständig in ihren Gefühlen und Befindlichkeiten hin und her, nein, ich möchte es nicht so gewöhnlich jugendlich halten - oder man schreibt die Geschichte auf, wie es ihre innere Konsequenz verlangt. Das hat Jana Frey meiner Meinung nach getan und zwar nach Art eines, zugegebenermaßen gewöhnlichen, Jugendromans, dessen Struktur nach Monatskapiteln (auch da stimme ich vollkommen einigen Rezensenten zu) ich ebenfalls sehr gewöhnungsbedürftig finde und deren Figuren mehr auf Basis ihrer Gefühle zueinander, als auf ausgeprägter Rollenbasis, agieren.Nichtsdestotrotz hat mich die Intensität des Buches beeindruckt. Vor allem wie geschickt Jana Frey das Voyeuristische in dem Gefühlschaos der beiden Geschwister auflöst und trotzdem kein wirkliches Blatt vor den Mund nimmt. Sie hat den Mut, von Liebe zu reden, von Sex und Schönheit und ihre Figuren dem Alter gemäß mit diesem Thema umgehen zu lassen. Manches mal ist es gewiss trotzdem unmöglich die Zerrissenheit der beiden noch auf sich wirken zu lassen, weil man doch in die Rolle des beobachtenden und urteilenden Lesers gedrängt wird, einfach aus Gewohnheit. Wichtig bleibt (um es noch einmal zu sagen), dass man versucht das Buch eben nicht als eine Konfliktsituation oder einen Problemfall betrachtet, sondern als eine Geschichte, wie sie auch das Leben in seiner verwirrenden Exklusivität hätte schreiben können.Und Geschichten sind keine Fälle, es sind Geschichten und was man mit den Komponenten einer Geschichte tut, ist die eigene Sache. Eine Geschichte kann keine Wertung sein, sie hat keine festgelegte Aussage, die Aussage entsteht beim Leser, ihre Wirkung kennt nur das, worauf wir uns einlassen. Und das macht Geschichten so wertvoll. Denn durch diese Eigenschaft können sie auch ganz unverstellt auf uns wirken. Und am Ende können wir mehr aus Geschichten lernen, als wir jemals aus Systemen lernen werden, auch wenn es nie etwas Definitives sein wird - oder wie es Karl Jaspers einmal so schön formulierte: "Wir werden stets mehr aus Fragen lernen, als aus Antworten, denn die Frage ist das Öffnen und die Antwort stets bloß der Schluss."