Ein Roman, aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit der ¿Geworfenheit¿ des Menschen
Die 28. Auflage dieses erstmals 2004 erschienen Roman von Juli Zeh sprechen eine eindeutige Sprache: Das Buch ist ein literarischer Leckerbissen - immer noch. Und wird es in seinen grundsätzlichen Aussagen über das Menschsein und sein Ringen um den Sinn des Lebens auch bleiben.Das Leben als Spielball der Evolution zu betrachten ist landläufige Praxis. Zumal dieser epochale Begriff inzwischen seinen Zusatz "-Theorie" verloren hat und daher als gesichertes Wissen gilt. Allerdings gelten diese Mechanismen nicht für das Zusammenleben der Menschen, die nach wie vor um Wahrheit, Wirklichkeit und Gerechtigkeit ringen, um nur drei der wichtigsten Sehnsuchtsziele zu nennen. Wie schwankend dieses Fundament ist, wird in diesem phänomenalen Buch bis "aufs Blut" seziert und den Leser:innen in oft schwer verdaulichen Brocken präsentiert. Welche Rolle dabei Herkunft und Umfeld spielen, werden hier eindrücklich geschildert, ebenso die Möglichkeiten, durch Entscheidungen, das Leben (bewusst) in unvorhergesehene Bahnen zu lenken. Und wenn das Ringen um Wirklichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit zu einem Spiel mutiert, um tiefere Einblicke oder andere Erkenntnisse zu ermöglichen, dann nimmt diese Auseinandersetzung eine qualitative Hürde, in der so manches Oberseminar Honig saugen kann - und zwar aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, beginnend mit Philosophie, Politik (Historie) und Rechtkunde und lange noch nicht endend bei den psycho-sozialen Fächern. Was hier die drei Protagonisten "spielerisch" bewältigen, ist die hohe Kunst eines fächerübergreifenden Diskurses, auf der Grundlage eines "Spiels", das unter die Haut geht.Dieses Buch quillt über vor lauter kluger Sätze, nachdenkenswerte, inspierierende, ja, auch tieftraurige Sätze, die nicht nur schillern, sondern auch Gefühle mobilisieren und den Intellekt herausfordern: "Zeit ist das Einzige, was dem Menschen fehlt [...] Darüber hinaus gibt es nur Simulationen von Besitz, sei es an Gefühlen, Schönheit oder Geld." Zeit braucht man für dieses Buch, immerhin ist es knapp 570 Seiten stark. Die Zeit dafür ist nicht verschwendet - versprochen ...(28.6.2026)