Das Schreiben gegen die Zeit - ein großer Autor nimmt seinen Abschied und kontempliert und resümiert über Leben & Tod & Glück & Schmerz
Der große Julian Barnes nimmt seinen Abschied, der Zauberer der englischen Literatur, weltgewandt, erfahren, voller Weisheit, Wissen, Selbstsicherheit und Zuversicht, erzählt, plaudert (vorerst?) ein letztes Mal aus seinem Leben. Seine typischen Themen werden angesprochen, das Glück, die Liebe, der Tod, das Sterben, Literatur, Kunst, Reisen, Kindheitserinnerungen, Abschied, berühmte Dichter, Bewusstsein, Identität, Erinnerung, Demenz, Verantwortung.¿Was heißt es, Mensch zu sein? Was heißt es, tot zu sein?¿Ein alter, an Krebs erkrankter Schriftsteller, dessen Gedanken um sein Leben kreisen, um sein Schreiben, seine Erinnerungen, Abschied und Tod. Schon der erste Teil hat mich leicht erschöpft zurückgelassen und ich war in Hoffnung darauf, dass es im zweiten Teil endlich etwas stringenter und handlungsreicher würde, neugierig auf die Geschichte zwischen seinen beiden Freunden Jean und Stephen und die Andeutungen, dass er ein Versprechen nicht gehalten habe... allerdings geht es im gleichen Modus weiter, noch mehr Vergleiche, Bezüge zu vor allem französischen Schriftstellern, Überlegungen zum Leben, zum Glück, zur Erfüllung, zu Enttäuschungen ¿ ich möchte jetzt bitte vorerst nichts mehr von Madeleines hören ¿ mochte sie noch nie! Es ist kein Roman, der uns präsentiert wird, sondern eine lose Ansammlung von Gedanken, literarischen Exkursionen, Erinnerungsfetzen und Anekdoten aus seinem Leben oder auch seinem Schriftstellerdasein. Ein buntes, ungeordnetes Potpourri. Fiktion oder Realität? Darum geht es nicht, das spielt keine Rolle, denn es geht um den Sinn, der hinter den Geschichten liegt. Einen großen Handlungsstrang beansprucht die oben erwähnte Liebesbeziehung zwischen den alten Freunden aus der Collegezeit, Stephen und Jean, die Barnes gleich zweimal zusammengebracht hat. Überlegungen zu den wichtigen Entscheidungen eines Lebens begleiten diese Erzählungen, Fragen über die Möglichkeit des Glücklichseins, über die richtige Wahl, über Lebenswege, Chancen die genutzt oder verpasst, Richtungen, die eingeschlagen werden. Und immer wieder sprechen die Figuren mit Barnes und dem Leser: ¿Ach, hör auf, kluge Sprüche zu klopfen, die nicht wahr sind.¿ (Jean) und wir bleiben amüsiert, leicht verwirrt und im Ungewissen zurück. Sprachlich bestechend,, voller Bonmots, ungewöhnlicher Metaphern, originellen Vergleichen und Beobachtungen besticht Barnes wie immer. Sein Humor ist unübersehbar und auf typisch britische Art kann er über sich selbst und die eigenen Schwächen witzeln. ¿Das Leben ist keine Tragödie mit Happy End, das Leben ist eine Farce mit tragischem Ende oder ein Boulevardstück mit traurigem Ende.¿ Und besonders die Szenen mit dem geerbten alten Terrier Jimmy sind großartig. Schön ist die Frage, ob dieser weiß, dass er ein Hund ist, weiß, ob er alt ist und der Vergleich zwischen Herrchen und Hund ist famos und urkomisch ¿ das alternde Gebiss, die nachlassenden Sinne, Hören und Sehen wird mühsam, beide fallen die Trepper herunter und sind nicht mehr vollständig Herr ihrer selbst.Auch das Ende ist gelungen und berührend - großer Abgang mit persönlicher Ansprache. Ein Brief, Gespräch, Monolog mit dem Leser, vertraut, heiter, angenehm, zufrieden von seiner Seite ¿ eine großartige Stimmung, ein wahrer Abschied. ¿Das Schreiben gegen die Zeit - Stalaktiten in den Höhlen der Erinnerung¿.Ich bin gespannt, ob es vielleicht doch noch einen weiteren final curtain geben wird, das würde zu Barnes, dem Zauberer, passen - das letzte Interview, das allerletzte Interview, das definitiv letzte Interview. Aber auch darüber freut sich der geneigte Leser und wir wünschen: Auf Wiedersehen und fare ye well, Mr. Julian Barnes.