Schwesternland der Anfang einer geplanten Romanreihe hat mir gut gefallen. Warum ich diesen Roman für mich zur Lektüre erkoren habe, das muss ich erklären: Die Verlagsbeschreibung traf nämlich genau meine Interessen, bei Ahnenforschung, Familienstammbaum, Generationenroman, Hugenotten und Recherche horche ich sofort auf. Genealogie im weitesten Sinne ist eines meiner Hobbys, bis zum Jahr 2000 war ich sogar fest überzeugt, von Hugenotten abzustammen.
Der Roman Schwesternland hat aber noch einiges mehr zu bieten. Wir kommen mitten hinein in eine Familienfeier, Henriette, die Großmutter der Ich-Erzählerin Antonia feiert ihren 100. Geburtstag. Mit ziemlich viel Aufwand und auch mit vielen Gästen, nur einer fehlt, das ist ihr Sohn, Antonias Vater, der ein Jahr zuvor (13 Monate, wird im Roman betont) Suizid beging. Antonias drei Schwestern sind sehr unterschiedlich, die musikalische Chiara kam mit der Mutter Eva in die Ehe, ist also die Älteste, dann sind da noch Elisa, die Altersforscherin, und Lucia, die als kleines Mädchen adoptiert wurde. Antonia ist Geschichtsstudentin und auf dem Weg zu ihrem Master. Die Mutter besitzt eine kleine Manufaktur, in der sie mit Lucia, die gerne und viel an Neuem tüftelt, arbeitet, Stoffe herstellt, webt und verkauft. Später im Roman wird man sich klar, woraus diese Profession entstanden ist.
Schon während der Feier macht sich Differenzen bemerkbar, die nur schwer zu kontrollieren sind. In der Nacht nach der Feier erfährt Antonia von ihrer Verwandten Maximiliane, gern nur Max, bitte englisch ausgesprochen, genannt, dass diese sich mit der Vorfahrengeschichte nicht nur wegen Henriettes Geburtstagsgeschenk beschäftigt hat, sondern einiges mehr an interessanten Details zu Tage brachte. Es soll hugenottische Vorfahren geben, speziell eine Frau namens Jeanne Beauvais, die 1685/1686 aus ihrer Heimatstadt Lyon nach Preußen geflüchtet ist. Antonia ist Feuer und Flamme, diese Erkenntnis korrespondiert sogar mit dem Thema ihrer Masterarbeit, das sie nach einiger Überlegung verändert und speziell auf das Schicksal der vermutlichen Vorfahrin zuschneidet.
Max gibt ihr einen Ansprechpartner in der Schweiz, er trägt den verheißungsvollen Namen Georges Bellamy, und ist ein etwas kauziger Experte der Hugenottengeschichte. Antonia wird ihn besuchen und er schickt sie nach Lyon, weitere Spuren zu finden. Was sie ziemlich schnell findet, ist ein neuer Freund, Jules, der ihr freie Unterkunft bietet und bald auch Liebe. Rückblickend auf ihren Ex-Freund denkt sie aber Patrick war eigentlich ein Guter gewesen, warum sich beide getrennt haben, das konnte ich nicht genau erkennen. Die Recherchen in Lyon gestalten sich schwierig, die Beziehung zu Jules zunehmend unerfreulich. Antonia zieht wieder um, zu Latifa, die ein Café betreibt und bei der sie stundenweise etwas Geld verdienen kann. Obwohl Antonia schon siebenundzwanzig Jahre alt ist, erscheint sie mir doch noch sehr naiv und unerfahren. Vielleicht ist das so, wenn man jeden Monat das Geld für den Lebensunterhalt von der Mutter überwiesen bekommt.
Parallel zu dieser heutigen Familiengeschichte und den Erlebnissen von Antonia entsteht die schicksalhafte Lebensgeschichte der Jeanne Beauvais, beginnend im November 1685 in Lyon. Die wechselnden Orte und Zeiten erfährt man unter den Kapitelnummern nur, wenn sie sich ändern. Geschildert wird die Flucht der Familie Beauvais nach Repressalien gegen die Hugenotten, sie wollen niemals ihren Glauben aufgeben, deshalb geben sie die Heimat auf. Die erste Hälfte des Romans wechselt häufig Ort und Zeit, nimmt Ereignisse nicht unbedingt chronologisch in den Blick. Das Ziel der Beauvais ist Brandenburg- Preußen, aber nicht alle werden es erreichen.
Erst etwa ab der Mitte des Buches fand ich in den Rhythmus des Erzählten hinein, bis dahin waren mir alle Protagonisten doch recht fremd geblieben, trotz der dramatischen Ereignisse. Auch Antonia wuchs mir nicht so recht ans Herz. Das änderte sich, als Jeanne in Cölln (gegenüber von Berlin, auf der linken Spreeseite) ankam. Plötzlich fand ich ihre Geschichte sehr berührend und las das Buch mit Spannung bis zum Ende.
Auch Antonias Geschichte gewann ab der Mitte an Spannung, so dass beide Stränge parallel einen interessanten Einblick gaben. Antonia erfährt auch etwas, das für sie sehr schockierend ist. Als Berliner würde ich sagen, dass ich mir die Platze geärgert hätte, wenn mir das passiert wäre. Aber ich will nicht zu viel verraten!
Noch eine Bemerkung zur Recherchearbeit der Autorin. Katharina Fuchs hat sich aus meiner Sicht schon allein für diese höchste Anerkennung verdient. Für mich war der Roman nicht nur ein Unterhaltungs- und Familienroman, sondern er hat mir auch einiges an zusätzlichem Wissen vermittelt. Gerade wenn es um die Lebensbedingungen und sozialen Verhältnisse in Brandenburg-Preußen im ausgehenden 17. Jahrhundert geht, gebe ich meine Wissenslücken freimütig zu. Die schwierige Integration der französischen Flüchtlinge, die in den kommenden Jahrhunderten tatsächlich zur Blüte z. B. ihrer Handwerkskunst kamen, interessierte mich sehr. Ablehnung Fremder ist kein neuzeitliches Phänomen, es entstand gleichsam mit der Entwicklung der Menschheit mit. Besser verstehen kann man die Fremden, wenn man sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzt, die allgemeinen Volksreden von Politikern über Integration sind da kein Hilfsmittel. Mir gefiel in diesem Zusammenhang auch, dass die Recherche auch die Sprache der damaligen Zeit beinhaltete, z. B. Es frommt nichts. ist heute unbekannt, wir würden sagen Es nützt nichts.
Dass einiges im Dunkeln bleibt, auch nach der letzten Seite, das ist wahrscheinlich dem geplanten Reihen-Charakter geschuldet. Mir war es manchmal zu viel des Verschweigens in dem Roman, aber Schwesternland wird weiterleben. Genug Entwicklungspotential sehe ich auf jeden Fall. Mir hat das Buch gut gefallen, ein strafferes Lektorat und ein penibleres Korrektorat hätten es noch besser machen können. Das Cover aber macht alles wieder wett, es passt wie ein maßgeschneidertes Seidenkleid!
Fazit: Für alle die Familiengeschichten, Schwesterngeschichten, Ahnenforschung und Spannung mögen ist das genau der richtige Roman für diesen Sommer! Es liest sich einfach gut. 4 ehrliche Sterne.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.