
Drei Frauen, die von ihren Müttern nicht geliebt wurden, ein kognitiv beeinträchtigter Junge, der sie verbindet, und ein unerwarteter Tod. Katja Lange-Müller gelingt mit diesem Kammerspiel ein literarisches Wunderwerk.
Die einst bildschöne Ida ist alt und vom Leben, den Männern und sich selbst enttäuscht. Um nicht völlig zu verarmen, arbeitet sie gelegentlich als Model bei Seniorinnenmodenschauen. In einem Kaufhaus begegnet sie Elvira, die ihren Enkel Ole betreut, genauer: ihn abwechselnd schikaniert und verwöhnt. Als Ida ihre Wohnung verliert, lockt Elvira, die den Kontakt zu ihrer Tochter abgebrochen hat und doch nichts mehr fürchtet als die Einsamkeit, die Freundin in ihr Landhaus, denn sie braucht Hilfe mit dem unberechenbaren, spätpubertierenden Hünen Ole.
Eines Morgens kommt es zu einem tragischen Ereignis, das Oles Mutter Manuela auf den Plan ruft. Sie hat ihren Sohn seit dessen erstem Lebensjahr nicht mehr gesehen. Während die Frauen einander misstrauisch umkreisen, entblättern sich ihre Familiengeschichten, ihre Biografien, ihre seelischen Verletzungen.
Katja Lange-Müller ist einzigartig in der literarischen Kraft und Präzision, mit der sie Figuren vom Rande der Gesellschaft unterschiedliche Stimmen gibt. Dieser Roman schärft aufs Feinste unser Denken und Empfinden. Er erzählt von ablehnenden Müttern, von den Widersprüchen, aus denen sich eine Persönlichkeit zusammensetzt, von der heimlichen Sehnsucht nach Zuneigung und all den Lebenslügen, die so gelogen manchmal gar nicht sind.
Besprechung vom 01.09.2024
Besondere Vorkommnisse
Gemeinsam allein
Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat endlich einen neuen Roman geschrieben, die Geschichte von zwei, nein: drei Frauen, die in wechselnder Konstellation in einem Haus am Rande Berlins zusammenleben. Alle suchen dort den Ort, an dem ihnen der Rest der Welt für den Rest ihres Lebens egal sein kann, und finden ihn nicht, oder vielleicht doch, letztlich geht es in "Unser Ole" (Kiepenheuer & Witsch, 24 Euro) aber um den pubertierenden Jungen im ersten Stock des Hauses, der als autistisch gilt und von seiner Großmutter Elvira aufgezogen wird, die sich zur Unterstützung die schöne Ida ins Haus holt, und dort leben die Seniorinnen jetzt in einer WG zu Versorgung unausgesprochener Bedürfnisse (Einsamkeit, nicht Sex) mit Ole, der kaum sein Zimmer verlässt, nur für Cola und Bockwurst. Das ist die erste Konstellation, die zweite beginnt mit einem Unglücksfall, der Manuela, die Mutter des Jungen, ins Haus holt, die dort auch erst etwas anderes sucht, als sie nach und nach findet, und selbst wenn Lange-Müller dieses komische Ding Leben in früheren Romanen (wie "Böse Schafe", 2007) genauer auf den Punkt gebracht hat als im neuen, findet man in "Unser Ole" den Ton, den man von ihr so mag, witzig und weise und geschärft vom Leben in Berlin (Ost wie West). "Dort gibt es so viele", heißt es am Ende dieses Generationenbuchs, "die sich irgendwie durchschlagen, gemeinsam oder allein, da fällt einer mehr gar nicht auf." Das könnte die Weisheit dieses Romans sein, oder des komischen Dings Leben, wäre es nicht viel zu hochtrabend für diese große Autorin. tob
Kritik in der Elternzeit
Was macht ein Literaturkritiker in der Elternzeit, wenn das Baby schläft? Er liest Bücher. Xaver von Cranach vom "Spiegel" hat darüber hinaus damit begonnen, in seinen Insta-Storys Mini-Kritiken zu veröffentlichen, erst über Caroline Wahl (fand er schlimm), dann zu Philipp Felsch über Habermas (fand er sehr gut), jetzt fängt er mit "Kairos" an. Oft kommt ihm etwas dazwischen, weswegen man aufpassen muss, dass man den Anschluss nicht verpasst. Will man nicht! jia
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.