Japanische Geistergeschichten hat mir vor allem gezeigt, wie unterschiedlich sich das Übernatürliche erzählen lässt. Wer modernen asiatischen Horror mit Schockmomenten und Gänsehaut erwartet, wird hier vermutlich etwas anderes vorfinden. Hearns Geschichten sind eher mit alten Sagen und Märchen verwandt. Rachsüchtige Geister, Dämonen und verzauberte Tiere gehören ganz selbstverständlich zu dieser Welt, und mich hat besonders interessiert, welchen Regeln und Vorstellungen sie dort folgen.
Dabei entstand für mich ein ungewöhnlicher Einblick in das alte Japan. Shint, Buddhismus, Aberglaube und die Vorstellung von Geistern greifen so selbstverständlich ineinander, dass ich beim Lesen immer wieder über die Unterschiede zu unserer eigenen Sagenwelt nachgedacht habe. Die Anmerkungen und das Nachwort haben mir geholfen, diese Zusammenhänge besser zu verstehen.
Sehr gut gefallen hat mir auch die Sprache. Sie trägt deutlich die Zeit ihrer Entstehung und wirkt stellenweise ungewohnt, aber genau diese alte Ausdrucksweise passte für mich zu den Geschichten. Nicht jede der 16 Erzählungen hat mich gleich stark erreicht, doch ihre Kürze empfand ich als angenehm. Manche waren schnell gelesen, andere habe ich danach noch eine Weile im Kopf weitergedreht. Für mich war dieser Band deshalb weniger eine Sammlung zum Gruseln als eine interessante Begegnung mit einer Erzähltradition, die mir bisher weitgehend fremd war.