Interessante, ruhige Geschichte über Alben, Albträumen und die psychologischen und wissenschaftlichen Aspekte
Auf dieses Buch wurde ich durch meine Freundin aufmerksam gemacht, und schon nach den ersten Sätzen war mir klar: Das hier könnte genau mein Ding sein. Vor allem die Thematik der Nachtalbe hat mich unfassbar neugierig gemacht. Ein Wesen, über das ich so bisher noch nie gelesen habe. Zwischen all den omnipräsenten Vampiren, Hexen und Werwölfen war es eine extrem erfrischende Abwechslung, eine Kreatur kennenzulernen, die sonst so selten im Rampenlicht steht. Gepaart mit Träumen, Albträumen und einer wunderbar düsteren Atmosphäre war mein Interesse sofort geweckt.Tagsüber arbeitet Isra in einem Varieté und versucht, einen ganz normalen Alltag zu bewältigen. Doch sobald die Nacht hereinbricht, wird sie zu dem, was sie wirklich ist: ein Nachtalb. Um zu überleben, muss sie den Menschen ihre Lichtträume stehlen und ihnen im Gegenzug Albträume hinterlassen, die sie kunstvoll aus deren tiefsten Ängsten webt. Einst galt sie als das größte Talent ihres Volkes, doch seit eine ihrer Traumsequenzen eine Tragödie auslöste, gerät ihr Leben immer mehr aus den Fugen. Als ihr dann auch noch ein verbotener Klartraum in die Hände fällt und sich rätselhafte Vorfälle häufen, wird Isra tiefer in ein Netz aus tödlichen Intrigen und verborgenen Wahrheiten gezogen, als ihr lieb ist.Ich will ehrlich sein: Der Einstieg fiel mir nicht ganz leicht. Die Geschichte baut sich unheimlich langsam auf, und es brauchte seine Zeit, bis ich vollkommen in dieser Welt versunken bin. Gleichzeitig liegt genau darin aber auch eine der größten Stärken des Buches. Lisanne Surborg nimmt sich bewusst die Zeit, die sie braucht, um ihr Worldbuilding zu entfalten, die Figuren tief zu zeichnen und die komplexen Regeln dieser außergewöhnlichen Gesellschaft zu erklären. Dadurch entsteht eine unglaublich dichte, greifbare Atmosphäre.Ein absolutes Highlight waren für mich die wissenschaftlichen Aspekte rund um Schlaf, REM-Phasen und das luzide Träumen. Nach jedem Kapitel erwarten einen sogenannte Intermezzos: kleine Einschübe mit Zitaten, Erklärungen oder Zusatzinfos. Das wird vermutlich nicht bei jedem funktionieren, aber ich persönlich habe diese kurzen Unterbrechungen geliebt, weil sie das Worldbuilding auf eine ganz neue Ebene gehoben und die Geschichte enorm bereichert haben.Isra als Protagonistin ist mir schnell ans Herz gewachsen. Sie ist stark, verantwortungsbewusst und tut alles, um ihre Liebsten zu schützen. Besonders berührt hat mich ihr ganz eigener Umgang mit den Ängsten der Menschen: Sie verteilt ihre Albträume nicht aus Bosheit, sondern versucht den Träumenden dabei zu helfen, sich ihren inneren Dämonen zu stellen. Das war ein wunderschöner, zutiefst empathischer Ansatz. Auch die Idee, Albe nicht als grausame Monster darzustellen, sondern als ästhetische Wesen mit einer ausgeprägten Leidenschaft für Kunst und schwarze Romantik, hat meinen Geschmack natürlich voll getroffen.Die Nebencharaktere sind zwar gut ausgearbeitet, allerdings muss ich zugeben, dass sie mich emotional nicht immer zu einhundert Prozent erreichen konnten. Auch die Handlung plätschert streckenweise eher ruhig dahin und verzichtet auf permanente Action oder atemlose Spannung. Wer ein rasantes Fantasy-Buch sucht, braucht hier definitiv etwas Geduld. Umso schöner fand ich dafür die leise, sanfte Liebesgeschichte im Hintergrund. Sie drängt sich nie in den Vordergrund, fühlt sich aber wunderbar echt an und fügt sich harmonisch in die Story ein.Richtig stark fand ich die Dynamik im letzten Drittel. Isra versucht anfangs nur, ein paar seltsame Vorfälle zu begreifen, stolpert dadurch aber immer tiefer in ein politisches Wespennest. Plötzlich beginnt das klassische Bild von Gut und Böse, von Opfern und Tätern, gewaltig zu bröckeln. Genau diese psychologischen Grauzonen liebe ich einfach. Das Ende hat mich schließlich sehr nachdenklich zurückgelassen. Es ist kein Buch, das mit einem gewaltigen, lauten Knall endet. Stattdessen trifft einen eine leise Erkenntnis, die erschreckend nah an unserer realen Welt liegt. Dinge, die jeden Tag passieren, über die aber fast niemand spricht.¿ Fazit: Nachtlügen ist für mich vielleicht kein neues Jahreshighlight geworden, aber dennoch ein unheimlich besonderes, poetisches Buch. Es überzeugt mit einer unverbrauchten Grundidee, einer melancholischen Stimmung und faszinierenden Gedanken über die dunklen Seiten der menschlichen Seele. Wer ruhige Fantasy mit psychologischem Tiefgang und einer dichten, düsteren Atmosphäre sucht, sollte Isra definitiv in ihre Traumwelt folgen.