Berührend und vorurteilsfrei erzählt Lukas Rietzschel von den Menschen einer ostdeutschen Kleinstadt
Sanditz, 2021: In der kleinen Stadt in der Lausitz gibt sich Tom Wenzel seinen trüben Gedanken hin. Weihnachten wird er erneut ohne seine Familie verbringen, denn noch immer hat er sich nicht gegen Corona impfen lassen. Und nun hat auch noch seine Freundin mit ihm Schluss gemacht. Toms Schwester Maria wittert derweil endlich eine etwas aufregendere journalistische Geschichte. Wer hat bloß die Sanditzer Bismarck-Statue von ihrem Sockel gestoßen? Währenddessen sitzt Roland, der Vater der beiden, wieder einmal am Fenster seiner unsanierten Wohnung und schaut den Kindern vor dem Haus zu, die nichts Besseres zu tun haben, als die Zeit totzuschlagen..."Sanditz" ist der dritte Roman von Lukas Rietzschel, der bei dtv erschienen ist. Zweifelsohne handelt es sich dabei um das bislang ambitionierteste Werk des gebürtigen Oberlausitzers. Auf knapp 500 Seiten entfaltet er darin das Wimmelbild einer fiktiven Kleinstadt nahe der polnischen Grenze von 1978 bis 2022. Dabei spart er kaum ein gesellschaftlich oder politisch relevantes Thema aus. Ob Corona, der Ukraine-Krieg, Homosexualität in der DDR oder das Ende der Staatssicherheit. Rietzschel legt seinen Finger nicht nur in die ostdeutschen Wunden.Bemerkenswert ist daran vor allem der Umgang mit den zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren. Sei es der verschwurbelte Querdenker, der verräterische Christ, der scheiternde Vater oder die übergriffige Großmutter - der Autor urteilt und verurteilt nicht. Vielmehr agiert er als kluger Beobachter, als empathischer Vermittler zwischen den Zeiten, als Mahner ohne Holzhammer und als Kenner der ostdeutschen Gesellschaft und Geschichte.Dabei sollte sich der Leser vom etwas überdrehten Prolog mit "Krabat"-Hommage nicht abschrecken lassen. Spätestens mit dem ersten Aufeinandertreffen von Tom und Maria ist der Ton für den Rest des Romans gesetzt. Pointierte Dialoge, die auf der Klaviatur zwischen leiser Komik und tiefer Traurigkeit gekonnt hin- und herpendeln, vermischen sich mit einem eher nüchternen Erzählton, dem es trotzdem immer wieder gelingt, für große und kleine melancholische Momente zu sorgen. "Er hingegen konsumierte nur. Seine Welt war klein und hörte überall die gleiche Musik. Egal, wo er hinging, irgendwo stand ein Aldi", heißt es beispielsweise in einem Kapitel über Tom und es sind solche Sätze, die "Sanditz" auszeichnen.Besonders ist auch die Erzählstruktur des Romans. Während die Gegenwartsepisode sich auf einen relativ kleinen Zeitraum zwischen Ende 2021 und 2022 beschränkt, umfasst der historische Strang fast 25 Jahre. Um sich bei den Figuren und den Orten nicht zu verheddern, gibt es nicht nur eine eigene Internetseite des Buches, sondern auch Skizzen zwischen den Buchdeckeln, die so aussehen, als stammten sie direkt vom Autor. Im Mittelpunkt steht jedenfalls in beiden Strängen neben der eigentlichen Hauptfigur, der Stadt Sanditz, die Familie Wenzel. Was fast alle Figuren des Romans eint, ist die Einsamkeit, die sie ausstrahlen. So entsteht in "Sanditz" nicht nur ein Gesellschaftsporträt, sondern vor allem auch ein Panorama der Einsamkeit.Mich hat es berührt, wie es Lukas Rietzschel bis zur nahezu kleinsten Nebenfigur gelingt, diese in den Familienroman und in die Stadt Sanditz einzubinden. Exemplarisch dafür sei die Figur Jeremy erwähnt, die nur in der ersten Hälfte des Buches drei kleinere, dafür aber umso bemerkenswertere Auftritte hat. Der zehnjährige Junge ist ein wahrer Kämpfer, der zudem das Herz am rechten Fleck hat. Nur in wenigen Fällen wirken die Charaktere und Episoden wie Fremdkörper, wie beispielsweise ein syrischer Gastarbeiter in der DDR und ein westdeutscher Sparkassendirektor. Diese brachten mich zunächst aus dem Konzept, sind bei näherer Betrachtung aber ein gelungener und sicherlich gewollter Bruch der Sanditzer Welt.Ärgerlicher hingegen ist, dass es eine kleinere inhaltliche Unstimmigkeit gibt, als eine Figur eingesperrt wird und anschließend ihr Handy in der Sofaritze findet. Später heißt es hingegen, sie habe keine Hilfe rufen können, weil ihr das Handy gestohlen worden sei. Anstrengend sind zudem die Passagen, die im letzten Drittel des Romans im Ukraine-Krieg spielen und durch die ich mich durchquälen musste. Wobei natürlich jeder Krieg auch eine Qual ist.Insgesamt ist "Sanditz" aber ein kluger, berührender und wichtiger Roman, der modern und aktuell ist, und ohne erhobenen Zeigefinger andeutet, wie es zu der gesellschaftlichen Situation kommen konnte, in der wir uns heute befinden. Und das nicht nur in Ostdeutschland.4,5/5