Auf der Suche nach einem Platz im Leben - eine Lebensgeschichte aus der Welt süditalienischer Wanderarbeiter
Es ist nicht nur ein Roman, es ist auch ein Stück Zeitgeschichte, das hier äußerst anschaulich aufgearbeitet wird. In einer turbulent verlaufenden Lebensgeschichte wird sehr authentisch das Leben süditalienischer "Wanderarbeiter" skizziert, die im Norden Italiens ihr Glück versuchen. Wobei der Begriff Wanderarbeiter eher irreführend ist, da diese meist männlichen Personen in irgendeiner der norditalienischen Städte strandeten - meist für immer; in diesem lesenswerten Roman von Marco Balzano ist es Mailand.Es braucht eine gewisse Zeit, bis man dem Erzählsound des Ich-Erzählers in seiner oft naiven Ausdrucksweise folgen kann. Aber irgendwann packen einen die oft drastischen Schilderungen (s)einer Lebenswelt, die zwar noch nicht so lange vergangen ist, aber gerade deshalb ihre volle Wucht entfalten kann. Das Stichwort ist hier Kinderarbeit.Der Protagonist der Geschichte ist erst neun Jahre alt, hat gerade erst die Grundschule hinter sich gebracht, als er mit einem Onkel das bettelarme Sizilien verlässt, und in den Norden Italiens reist, um dort den Lebensunterhalt zu verdienen. Dass hier der Begriff "behütete Kindheit" nicht greift, scheint offenkundig, dass allerdings das rasche Erwachsenwerden nicht frei von Problemen verlaufen kann, ist ebenso klar. In diesem Fall führt eine Kombination aus Sorge und Beschützerinstinkt zu einem Vorfall, der für den Erzähler nicht nur zur Entfremdung von der eigenen Familie führt, sondern auch für einige Jahre Gefängnis sorgt.In der Vielfalt der Lebensgeschichte, die gelegentlich ein wenig ausufernd erzählt wird, kommt die gesamte Dramatik von Hoffnung und Wirklichkeit, von Vorstellung und Realität zum Ausdruck, die nicht zuletzt in einem fragilen Familienleben ihre Ausleuchtung erhalten: "Es trennt uns, wenn Dinge passieren, die größer sind als wir, so ist das nun mal."(28.4.2022)