Im Jahr 2015 gab es die Thrillersensation Girl on the Train (Originaltitel: The Girl on the Train). Ein riesiger, viel diskutierter Hype. Nach all den lobenden Kritiken und enthusiastischen Empfehlungen konnte das Buch unmöglich die extrem hohen Erwartungen aller Leser erfüllen. Deshalb ist es für Die Falle, das Thrillerdebüt der deutschen Autorin Melanie Raabe, aus zwei Gründen eigentlich überhaupt nicht fair, es mit dem eben genannten Bestseller zu vergleichen (obwohl Raabe in einer Passage auf Seite 316 selbst darauf anzuspielen scheint, was in Die Falle ein unwahrscheinlicher Zufall wäre). Wer Die Falle optimal erleben und fair beurteilen will, sollte völlig unvoreingenommen an die Geschichte herangehen. Sieh dies als Warnung und hör rechtzeitig auf, diese Rezension zu lesen.Erstens ähnelt Die Falle nicht im Geringsten Girl on the Train. Situation, Setting, Stil und ¿ am wichtigsten ¿ die Atmosphäre sind völlig anders. Gut, es geht ebenfalls um eine etwas pathetische, kranke Frau. Übrigens wird das hier sofort klar: Linda ist seit elf Jahren an ihr Haus gefesselt und hat in all der Zeit keinen einzigen Schritt vor die Tür gesetzt. Sie erzählt in der Ich-Form und im Präsens ¿ näher kann man als Leser kaum an ihrer Haut sein. Es gibt Tage, da steht Linda nur aus dem Bett auf, um die Tür zu öffnen, damit der Hund sich selbst im Garten ausmisten kann. Eine Reise nach Italien bedeutet für sie, sich eine Woche lang mit Pasta, Pizza, italienischen Videos und Literatur im Gästezimmer einzuschließen. Vom ungeklärten Mord an ihrer Schwester hat sie sich nie erholt; sie leidet unter der ständigen Angst vor dem Mörder, von dem sie damals einen flüchtigen Blick erhascht hat. Doch dann sieht Linda während einer ihrer ¿italienischen Reisen¿ plötzlich den Mörder im Fernsehen.Hier kommen wir an den Punkt, an dem sich der Vergleich mit Girl on the Train dann doch aufdrängt. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass Linda den Mörder wiedersieht, und ¿ viel wichtiger ¿ wie glaubwürdig ist das? Linda lebt schließlich buchstäblich in ihrer eigenen kleinen Welt, gefangen in den eigenen vier Wänden. Zudem ist sie eine begnadete Autorin populärer Romane. Wo verläuft die Grenze zwischen ihrer Fantasie und der Realität? Wie verlässlich ist ihr Gedächtnis, und wie sehr können wir als Leser ihrer Wahrnehmung trauen?Linda beschließt, in ihrem neuesten Buch über den Mord an ihrer Schwester zu schreiben ¿ mit dem Ziel, den Täter aus der Reserve und in ihre Falle zu locken. Ab diesem Moment bist du dir als Leser über gar nichts mehr sicher. Raabe schreibt hier im Grunde zwei Bücher parallel. Kapitel aus Lindas autobiografischem Buch voller (amüsanter, aber auch cleverer) Pseudonyme wechseln sich ab mit den fieberhaften Vorbereitungen, die Linda für die eigentliche Falle trifft. Dabei stoßen wir auf Enthüllungen, die mal Antworten liefern, mal neue Fragen aufwerfen. Währenddessen wirkt Linda für ein psychisches Wrack erstaunlich berechnend und tatkräftig. Wenn der Moment der Wahrheit gekommen ist und der Täter und Linda in einem fantastischen Katz-und-Maus-Gespräch aufeinandertreffen, stellt sich für den Leser vor allem die eine große Frage: Wie echt ist das alles?Wie echt es ist, zeigt sich im letzten Viertel von Die Falle, in dem sich nicht nur die Erkenntnisse erweitern. Diese Aufklärung hinterlässt allerdings gemischte Gefühle. Das wunderbare Gefühl, ein Buch zu lesen, das möglicherweise an Genialität grenzt, ebbt leider Stück für Stück ab, wenn sich das Finale recht konventionell auflöst und alle losen Enden brav verknüpft werden. Gleichzeitig ist diese gründliche, explizite Auflösung notwendig, da der Leser erst noch davon überzeugt werden muss, dass das, was passiert, auch wirklich so passiert und Sinn ergibt. Und Raabe schafft es, zu überzeugen.Kurz gesagt: Wer Girl on the Train geliebt hat, darf sich von Die Falle absolut angesprochen fühlen. Wer Ersteres enttäuschend fand und diese Rezension trotzdem gelesen hat ¿ tja, Pech¿ Aber gib dem Buch auf jeden Fall eine Chance. Wer den anderen Bestseller gar nicht kennt und Rezensionen ohnehin mit gesunder Skepsis liest, den erwartet hier so oder so eine faszinierende Sensation.