Ein psychologisches Kammerspiel, das geschickt mit der Wahrnehmung spielt. Nicht perfekt, aber durch die dichte Atmosphäre sehr lesenswert.
Der Debütroman "Die Falle" vonMelanie Raabeerschien ursprünglich im März 2015 imbtb-Verlagund ist seitdem in zahlreichen Auflagen und Formaten erhältlich.Der Roman ist in 35 kurze Kapitel unterteilt. Erzählt wird die Geschichte primär aus der Ich-Perspektive der 38-jährigen BestsellerautorinLinda Conrads, die zurückgezogen in ihrer Villa am Starnberger See lebt und der Presse ein Rätsel ist. Unterbrochen wird dieser Erzählfluss nur durch Kapitel, die mit "Sophie" oder "Jonas" überschrieben sind; diese sind aus der dritten Person verfasst und fungieren als Ausschnitte aus Lindas eigenem Romanprojekt über den Mord an ihrer Schwester.Im Kern der Handlung steht das isolierte Leben von Linda Conrads. Trotz ihres hohen beruflichen Erfolgs quält sie eine schreckliche Erinnerung: Vor elf Jahren fand sie ihre jüngere Schwester Anna in einem Blutbad auf und sah den Mörder flüchten - ein Gesicht, das sie bis in ihre Träume verfolgt. Seit diesem Tag hat sie ihr Haus nicht mehr verlassen und lebt, geplagt von Ängsten und Depressionen, in ihrer eigenen Welt. Sie pflegt nur Kontakt zu einem kleinen Kreis von Menschen, die sie privat und beruflich unterstützen. Melanie Raabe hat hier ein beklemmendes psychologisches Kammerspiel erschaffen: Da Linda das Haus nicht verlassen kann, konzentriert sich die Handlung fast ausschließlich auf diesen einen Ort. Als sie eines Tages im Fernsehen das Gesicht des Mannes wiederzuerkennen glaubt, der damals ihre Schwester ermordete, schmiedet sie einen perfiden Plan, um ihn in eine Falle zu locken - ihr einziger Köder ist sie selbst.Melanie Raabe ist mit diesem Debüt ein außergewöhnliches Leseerlebnis gelungen. Die bedrückende Enge, in der Linda lebt, wurde beim Lesen fast greifbar; die beklemmende Atmosphäre hat mich zeitweise regelrecht atemlos gemacht. Linda lässt uns tief an ihren Gedanken und Fantasien teilhaben, die teilweise verwirrend oder gar leicht verstörend wirken. Ihre Art, Gedanken zu beschreiben - verschachtelt und manchmal repetitiv - empfand ich anfangs als etwas anstrengend, doch mit der Zeit begriff ich, dass gerade diese Erzähltechnik dem Roman sein besonderes "Etwas" verleiht.Zusätzlich dazu baut die Autorin durch die kurzen Kapitel und den geschickten Perspektivwechsel zwischen Linda und den Roman-Ausschnitten eine subtile, stetige Spannung auf. Man merkt schnell, dass Linda eine unzuverlässige Erzählerin ist. Während sie als Protagonistin sehr nahbar und tiefgründig gezeichnet ist, blieben die anderen Figuren für meinen Geschmack leider etwas blass. Dennoch ist es ein durchweg packender Thriller: Die Frage nach der Identität des Täters treibt einen dennoch regelrecht durch die Seiten. Auch wenn es für meinen Geschmack zu Beginn und gegen Ende ein paar Längen gab, versteht es Melanie Raabe meisterhaft, mit dem Verstand der Leserschaft zu spielen. Ich war während des Lesens oft irritiert, habe spekuliert und ständig neue Theorien aufgestellt, die sich ebenso schnell wieder in Luft auflösten. Das Ende hat mich letztlich doch überrascht, obwohl ich die Auflösung insgeheim sogar in Erwägung gezogen hatte.Fazit: Ein raffiniertes Debüt, das durch seine psychologische Tiefe überzeugt, auch wenn es nicht frei von Längen ist. Aufgrund des durchweg gelungenen Konzepts und der dichten Atmosphäre ist der Roman eine klare Empfehlung für Leser, die ein psychologisches Kammerspiel gegenüber reiner Action bevorzugen und sich auf ein entschleunigtes, aber intellektuell forderndes Leseerlebnis einlassen möchten.