Diese Rezension enthält ein Update, zuerst habe ich das Hörbuch gehört und rezensiert. Beides ist hervorragend und wird von mir empfohlen!
[Update 1] Ursprünglich war dies die Rezension für das Hörbuch, wie am Ende angedeutet, habe ich nun das gedruckte Buch gelesen und frage mich, wie ich die fünf Sterne für das Hörbuch noch überbieten könnte. Offiziell in den Shops muss ich bei fünf Sternen bleiben, inoffiziell erhöhe ich auf sechs Sterne für das Buch! Dass sich meine Überschrift auf ein Zitat aus Natasha Wodins Roman "Sie kam nur bis Mariupol" bezieht, habe ich erst beim Lesen der Fußnotentexte gesehen, diese wurden natürlich nicht mit vorgelesen. Ich konnte mich an diese konkrete Stelle nicht mehr erinnern, an das Buch aber schon. Überhaupt sind die Fußnotentexte eine Bereicherung, wenn man an weitergehenden Informationen und Literaturhinweisen interessiert ist. [Update 1, Ende.]Der Autor Michael Riepl ist nicht nur Jurist und promovierter Völkerrechtler, er ist auch Schriftsteller. Dieses Hörbuch "Fremde Heimat Altmontal" fasst sein gesamtes Dasein, sein Wissen und seine Forschungen zur Familiengeschichte zusammen, ausgehend vom schicksalhaften Leben seiner Großmutter. Großmutter Hedi, wie sie liebevoll genannt wurde, verstarb im Alter von 85 Jahren, da war ihr Enkel erst 14 Jahre alt. Viele Jahre später, er ist in Gedanken schon auf einer aufregenden Dienstreise in die Ostukraine, in der kriegsähnliche Zustände herrschen seit der russischen Besetzung der Krim, übergibt ihm seine Mutter die Hinterlassenschaft seiner Großmutter Hedwig: ein Tagebuch, das ihr gesamtes Leben beinhaltet. In aller Eile, soweit es die altersschwache Technik möglich macht, scannt er die Seiten ein, um dieses Geschichte mit in die Ukraine zu nehmen. Er wird viel darin lesen und lässt den Leser bzw. Zuhörer des Buches auf angenehmste Weise teilhaben an dieser großartigen und auch tragischen Geschichte. Es ist das Jahr 2018, noch ist der Weg in die Ukraine frei, wenn auch nicht ungefährlich.Großmutter Hedi, in ihrem Wohnort in Bayern eine allseits anerkannte Landärztin, wurde 1919 in der Ukraine geboren, der Ort Altmontal liegt im südlichen Schwarzmeergebiet und dieses Gebiet beherbergte bis in den Zweiten Weltkrieg hinein eine ansehnlich deutsche Bevölkerungsgruppe. Ursprünglich von der russischen Zarin Katharina II. angeworben, ließen sich dort im 18. und 19. Jahrhundert deutsche Kolonisten nieder. Bekannter als die Schwarzmeerdeutschen sind die Wolgadeutschen. Selbst in meiner angeheirateten Familie wurden Vorfahren gefunden, die auf verschlungenen Pfaden ihren Weg zurück nach Deutschland nahmen. Es ist überaus schwierig, Dokumente in Russland zu finden, die bei der Erforschung solcher Familienschicksale helfen können. Michael Riepl ist einiges gelungen, seine russischen Sprachkenntnisse werden ihm sehr geholfen haben. Ich habe seine Geschichte mit wachsender Spannung verfolgt!In der aktuellen Literatur spielen diese sogenannten Schwarzmeerdeutschen, die mehrfach Flucht und Vertreibung erlebten, eine eher kleine Rolle. Vertriebene aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien oder dem Sudentenland, dem Banat oder aus Jugoslawien sind wesentlich stärker und häufiger im Fokus von Schriftstellern und Forschern. Die Ukraine wird zurzeit eher mit dem russischen Angriffskrieg und seinen unmittelbaren Folgen in Verbindung gebracht. Die Vergangenheit mit ihren Verwicklungen steht hier in Deutschland nicht im Vordergrund, aber Putin verweist immer wieder vehement auf die "Faschisten in Kiew". Dieses Buch macht auch deutlich, worauf sich diese Argumentation beziehen könnte. Nicht wenige (auch deutsche) Ukrainer jubelten der Wehrmacht begeistert zu, als diese die Sowjetmacht vertrieb, viele haben sich freiwillig zu Arbeit nach Deutschland gemeldet, wie auch Riepls Großmutter. Auch der Beitritt zur Wehrmacht oder SS war nicht selten, die Teilnahme an Massakern musste damit in Kauf genommen werden.Riepl begibt sich also auf die Spuren seiner Vorfahren, lernt die Orte kennen, in den die Großmutter lebte, lernte und arbeitete. Ihr großer Traum war das Medizinstudium, dass sie später Ärztin werden konnte, gleicht einem Wunder. Ihre Familie wurde in den Mühlen der Diktaturen zerrieben, Hedwig aber wird nach dem Krieg in Deutschland bleiben, heiraten, eine Tochter bekommen und einen sehr wissbegierigen Enkelsohn, der ihr mit diesem Buch ein wunderbares Denkmal setzt.[Update 2] Bei Selbstlesen habe ich festgestellt, dass meiner Aufmerksamkeit beim Hören einiges entgangen ist. Insbesondere die Kapitel über den sowjetischen Terror in der Ukraine, über den Holodomor, dem Hedwigs Familie nur um Haaresbreite entkam, und die wundersame Errettung Hedwigs durch den Verwandten Jascha, der sie mit nach Annenfeld im Kaukasus nahm, habe ich noch einmal tief ergriffen gelesen. Jascha ist ein Lehrer, der Hedwigs Begabung fürs Lernen erkannt hat und ihr in Annenfeld den Schulbesuch und eine viel unbeschwertere Kindheit ermöglicht, als sie in der Ukraine möglich gewesen wäre. Dass sie dort fünf Jahre unterm Wohnzimmertisch schlafen musste, weil wohl kein anderes Plätzchen angemessen war, dass sie trotzdem gerne in die Schule ging und zu jeglichen Ernteeinsätzen, dass sie sich daran noch im Alter liebevoll erinnert, das muss man eigentlich zweimal, dreimal lesen. Und dass sie trotzdem sie Freunde fand nach Hause zur Mutter und zu den Geschwistern möchte, die ihr im fernen Kaukasus so sehr fehlen. Es ist herzzerreißend und traurig und schön zugleich.Hedwigs weiterer Bildungsweg ist erstaunlich und einzigartig, sie schafft die Ausbildung zur Hilfsärztin mit "Prädikat". Ihr Wunscheinsatzort wird wegen ihres unterdessen nach Sibirien deportierten Vaters abgelehnt, der als Saboteur und Kulak bezichtigt wurde. So landet sie in der Steppe im kleinsten und am schlechtesten ausgestatteten Sanitätsstützpunkt, den man sich vorstellen kann. Der Name des Ortes schier unaussprechlich, die Liebe, Zuneigung und Dankbarkeit ihrer Patienten ebenso.Der Autor erzählt jedoch nicht nur die Geschichte seiner Großmutter, er lässt den Leser/Hörer teilhaben an seinen eigenen Erfahrungen und Erlebnissen, die im Rahmen seiner humanitären Tätigkeit in der Ukraine, im Kongo und in Aserbaidschan auf ihn einstürzen. Sei es 2018 die Versorgung von Ukrainern in unmittelbarer Nähe zur Frontlinie im Osten, sei es die Übergabe von Leichen aus dem Bruderkrieg im Kaukasus, sei es bei der Hilfe für Gefangene in der DR Kongo, denen der Hungertod droht. Immer holt ihn menschliches Leid ein, er muss es aushalten. Später ist Tatev, seine Ehefrau an seiner Seite, auch als in Kiew 2022 zu Silvester Bomben fallen und der spärliche Weihnachtsbaum etwas Glück verheißt. Mich haben diese Schilderungen sehr beeindruckt. Michael Riepl entfaltet auf einmalige Weise ein zeitgeschichtliches Panorama, das sehr im Gegensatz zum friedlichen Spiegelpanorama des Schutzumschlags steht. [Update 2, Ende]Das Buch endet im Jahr 2025, schon drei Jahre tobt der mörderische Krieg, den Putin gegen die Ukraine führt. Und sie wehrt sich standhaft. Wenn man dieses Buch liest, wundert man sich über diese Standhaftigkeit nicht, die Erinnerung an die sowjetische Staatsmacht, an den Holodomor und die Vertreibungen und Deportationen, an die Ermordung von Bauern und Kulaken werden aus dem Gedächtnis des ukrainischen Volkes kaum verschwinden. Sie wissen ganz genau, wofür sie kämpfen.Das Hörbuch wird hauptsächlich von Oliver Wronka gelesen, Brigitte Carlsen liest die eingestreuten Originaltexte aus Großmutter Hedwigs Tagebuch. Wronka liest den Part des Autors, die erzählende Rolle wird nicht mit Emotionen überlagert, Brigitte Carlsen hingegen vertieft sich in die Rolle der Hedwig und ist authentisch und glaubhaft zugleich.Nach dem Ende des Hörbuchs habe ich mir das Buch angeschaut, die Ausstattung ist dem Hörbuchdownload natürlich überlegen. Es enthält auf dem Vorsatzpapier eine Landkarte sowie einige eingestreute Fotos von Hedwigs Familie. Die Typografie ist gelungen [Update: nur die kleine Schriftgröße des gesamten Textes sowie die Lesbarkeit der sehr dünnen Schreibmaschinenschrift habe ich zu bemägeln], der Schutzumschlag lässt die Weite und Schönheit der ukrainischen Landschaft erkennen. Und es gibt sogar ein Lesebändchen. Wer also wie ich noch nicht genug hat nach dem Hören, der wird vielleicht auch zum Buch greifen. Ich freu(t)e mich darauf, das Gehörte noch einmal selbst zu lesen. Dieses eindrucksvolle Werk hat so viel Aufmerksamkeit tatsächlich verdient.Fazit: Ein Enkelsohn auf den Spuren seiner Großmutter, die als "Volksdeutsche" aus der Ukraine nach Deutschland kam und hier ein erfülltes Leben leben konnte. Ein großartiges Buch, absolute Hör- oder auch Leseempfehlung.Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.