Es führte zu kontroversen Meinungen. Rückblickend eine sehr gute Wahl für ein Bücherclub-Treffen.
Für unseren vergangenen Büchertreff habe ich diesen Roman von 1998 ausgewählt. Seit vielen vielen Jahren kam er bei jedem Umzug mit und hat nachhaltig Eindruck hinterlassen. Warum, erzähle ich gleich. Meine Hoffnung hatte sich zudem bewahrheitet: Die wenigsten Teilnehmerinnen kannten das Buch bis dato schon. Und: Es führte zu kontroversen Meinungen. Rückblickend eine sehr gute Wahl für ein Bücherclub-Treffen.Ich selbst bin tatsächlich kein großer Paulo Coelho-Fan - auch wenn ich es verstehen kann, dass er großen Weltruhm erlangte. Und trotzdem hat mich die Geschichte von "Veronika" dann doch eingefangen. Spannend war es für mich nun auch, das Buch nach so vielen Jahren noch einmal zu lesen. An einige Nebenfiguren konnte ich mich kaum erinnern, viele Geschichten habe ich heute, mit wesentlich mehr Lebenserfahrung, ganz anders gelesen oder interpretiert.Worum geht's kurzgefasst? Es geht um Lebensmüdigkeit, Überdruß, Sinnsuche, den Wert des Lebens. Veronika beschließt also zu sterben. Dieser Versuch glückt nicht und sie landet in einer psychiatrischen Klinik. Dort wird ihr mitgeteilt, dass ihr Herz irreparable Schäden aufweist und sie nicht mehr lange leben wird. Veronika beginnt nun plötzlich, ihre Lebenslust, geheimsten Wünsche und auch die Liebe für sich und andere wiederzuentdecken. Die Leser lernen zudem weitere Patienten und ihre Geschichten kennen. Die große Frage wird gestellt: Was ist eigentlich verrückt? Und was normal? Wer bin ich, wenn mich niemand be- und verurteilt? Wenn ich mich von Erwartungen löse? Wie bedeutsam sind gesellschaftliche Normen? Es werden vielerlei Themen aufgegriffen, die zum Nachdenken anregen.Wir haben natürlich über einige Passagen diskutiert. Wie übergriffig beispielsweise der Arzt ist, indem er seine eigenen Forschungen über die Selbstbestimmung anderer und die Wahrheit stellt. Welche (gewaltvollen) Methoden in der Klinik teils angewendet werden.Ich finde, dass das Ganze noch einmal einen ganz anderen Schwung bekommt, wenn wir bedenken, dass Paulo Coelho laut Recherche selbst auch diverse Male von seinen Eltern eingewiesen wurde, weil er nicht der für sie gewünschten Norm entsprach. Auch er musste fragwürdige Methoden über sich ergehen lassen.Heutzutage ist es normal, dass wir psychische Erkrankungen thematisieren, sie enttabuisieren. Vor fast 30 Jahren war das vermutlich ein größerer Meilenstein. Sicherlich auch einer der Gründe, warum mich das Buch so bewegt und auch zum Nachdenken angeregt hat. Insbesondere aufgrund des Endes und der Auflösung. Warum beginnen wir oft erst richtig an zu leben, wenn wir wissen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt? Ich bin nicht so ein großer Fan von Coelho's Schreibstil, seine spirituelle, konstruierte Art, und trotzdem mag ich das Buch sehr empfehlen.