Im "Rosemary House", einer angesehenen Altersresidenz, ist die 78-jährige Bewohnerin Joan Riley verstorben. Ein Routinefall, wie es scheint. Die behandelnde Ärztin ist unsicher wegen der genauen Todesursache, sodass eine Leichenschau erforderlich wird. Diese fördert Erstaunliches zutage. Joan wurde vergiftet mit Heroin! Mord oder Selbstmord? Wegen der Sicherheitsvorkehrungen im Heim konnte die Tote das Haus nicht allein verlassen. Falls ein Suizid vorliegt, war sie also auf die Hilfe einer anderen Person angewiesen, um das Gift zu beschaffen. Da Sterbehilfe in Großbritannien gegen das Gesetz verstößt, ist auch das eine Straftat. Detective Sergeant DC Smith wird mit dem Fall beauftragt.
"Gnade vor Recht" ist Peter Graingers zweiter Band mit seinem nach einem internen Ermittlungsverfahren degradierten Ermittler. Was zunächst wie Routine aussieht, wirft einige Fragen auf und entwickelt sich zu einem spannenden Rätsel, das mich kurzweilig unterhalten hat. Das Buch ist auch für Neueinsteiger geeignet.
Für die Polizei erweist sich der Fall Riley als schwierig, weil die Laborergebnisse erst vier Wochen nach dem Todesfall zur Verfügung stehen. Eindeutig ist, dass ein Verbrechen vorliegt, denn Joan ist keinen natürlichen Tod gestorben. Auf die Person, die Mrs. Riley entweder beim Suizid half oder sie ermordete, gibt es keinen Hinweis. Die zeitaufwendigen Ermittlungen, die äußerst diskret durchgeführt werden müssen, bringen nur spärliche Ergebnisse. Joan gehörte einem kleinen Kreis an, der im Altersheim die "Famous Five" genannt wird. Mittlerweile hat dieser Bund nur noch drei Mitglieder. Denn wenige Monate vor Joan ist Elspeth gestorben. Sein Bauchgefühl veranlasst Smith, sich näher mit der kleinen Gruppe zu beschäftigen. Dabei trifft er auf den bemerkenswerten Ralph Greenwood, den Kopf der "Famous Five". Smith findet einen Draht zu ihm, während Superintendent Allen sich die Zähne an Greenwood ausbeißt. Die Ermittlungen stagnieren. Ausgerechnet Smiths ungeliebter Kollege Sergeant Wilson erweist sich als hilfreich. Von ihm kommt der entscheidende Hinweis, der die Ermittlungen endlich vorantreibt.
Im zweiten Handlungsstrang wird DC Smith mit möglichen beruflichen Veränderungen konfrontiert. Während Superintendent Allen ihn gern an eine neu zu gründende Spezialeinheit abschieben möchte, macht ihm sein ehemaliger Kollege Douglas Waters, inzwischen Chef von Argus Investigations, ein verlockendes Jobangebot.
Neben seinen authentischen Charakteren, allen voran DC Smith, punktet der Autor mit seinem klaren, schnörkellosen Erzählstil und einem eher unspektakulären Fall. Der Alltag der Polizei wird glaubwürdig geschildert. Politische Zwänge, Personalabbau und ständige Budgetkürzungen behindern vernünftige Polizeiarbeit. Auch DC Smith bekommt dies laufend zu spüren, was ihn ernsthaft über seinen künftigen Weg grübeln lässt. "Heutzutage ist nichts mehr schwarz und weiß, alles ist grau, und damit komme ich nicht so besonders gut klar."
Im Hintergrund ist wiederholt vom "Fall Andretti" die Rede. Er zieht sich wie ein roter Faden durch die Bände. Vor 10 Jahren hat Smith diese Ermittlung als Detective Chief Inspector geleitet. Der Serienmörder Marco Andretti hat mindestens vier junge Frauen ermordet. Nach erfolgreichem Abschluss des Falls, der Täter wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt, haben mehrere Polizeibeamte den Dienst quittiert. Ich bin neugierig, ob der Autor diese Mordermittlung irgendwann ausführlich beleuchtet oder ob er bei Andeutungen bleibt.
"Gnade vor Recht" ist ein eher leiser Krimi, der mir gut gefallen hat. Der charakterfeste Detective Sergeant Smith und sein Team können den Fall aufklären. Am Ende bleibt offen, wie die Zukunft von DC aussehen wird. Der aktuelle Fall hat ihn nachdenklich gemacht. Ich hoffe auf eine Fortsetzung der Reihe. Wer ruhige Krimis und mehr die leisen Töne schätzt, trifft mit "Gnade vor Recht" die passende Wahl.