KI und Algorithmen, die Tiefsee und ihre Lebewesen, Kolonialismus und Ausbeutung, Freundschaft und Liebe - die Zukunft der Menschen
Dieses Buch hat mich noch nach dem Zuklappen tagelang beschäftigt; es braucht Zeit zum Reifen, es muss sich setzen wie das Sediment im Ozean, der in diesem Buch eine große Rolle spielt.Denn einerseits gibt es mitreißend bildhafte Schilderungen der ozeanischen Tiefsee mit ihren ungewöhnlichen Bewohnern, andererseits ist es der Roman einer besonderen Freundschaft und dann wiederum ein komplizierter, schwierig zu verstehender KI-Thriller. Man könnte meinen, es steckten mehrere Bücher in diesem einen. Aber eins ist unzweifelhaft: die Überladung mit den unterschiedlichsten Themen, was wahrscheinlich Absicht des Autors ist, um zu zeigen, wie chaotisch und komplex die Welt ist. Und nach einem überraschenden Ende frage ich mich zudem: Hat der Autor jetzt gerade auch mit mir als Leser gespielt?Ich möchte versuchen, in der Überfülle Schwerpunkte zu setzen und das Ganze ein wenig zu strukturieren. Da ist einmal die seltsame Freundschaft zwischen zwei jungen Männern, die gegensätzlicher nicht sein könnten: schwarz und arm, reich und weiß. Aber beide sind hochintelligent und teilen gemeinsame Interessen, allem voran das Spielen: zuerst Schach, dann Go und schließlich Computerspiele der besonderen Art, besonders, weil sie mit KI zu tun haben und nicht alles ganz verständlich daher kommt. Die beiden Freunde sind also eng verknüpft mit dem, was ich als Hauptthema des Buches ansehe: die Entwicklung der sogenannten Künstlichen Intelligenz, der Macht und der Gefahr der Algorithmen.Ein wenig aufgelockert wird das durch ein leichter verständliches Thema: der Geschichte der Insel Makatea in Französisch-Polynesien, die nach der kolonialistischen Ausbeutung von Phosphat nun erneut aus ihrer paradiesischen Ruhe gerissen werden soll, weil einige Tech-Milliardäre ein Experiment vorhaben, sog. Seasteading, das Errichten schwimmender Städte. Das Ganze ist keineswegs der Phantasie des Autors Powers entsprungen, denn Makatea mit seinem Phosphatabbau gibt es ebenso wie Pläne 'gewisser Typen', solche Städte zu erbauen. Es sind libertäre Ideen, die aus dem Silicon Valley hervorquellen. - Nebenbei bemerkt: Richard Powers hat dort selber mal als Programmierer gearbeitet, bevor er sich in die ursprüngliche Natur der Smoky Mountains zurückzog. Also nehme ich an, er weiß, wovon er schreibt.Somit ist also nicht nur Kolonialismus damals und heute ein Thema, sondern auch die Ozeane, das mögliche Sterben der Meere und vor allem die Schönheit der Tiefsee mit ihren ungewöhnlichen Kreaturen, die uns hier durch die Augen einer Taucherin vorgeführt werden. Das sind Passagen, die ich mit Staunen und sehr gerne gelesen habe und die uns Powers sprachgewaltig vor Augen führt: Korallen, Oktopusse, Fische, Mantas. Man meint die Farben zu sehen und das Wasser zu spüren.Doch auch hier wird gespielt, wie die Taucherin beobachtet und ihr Leben lang erforscht hat, so dass man sich als Leser die Frage stellt, was 'Spielen' überhaupt ist und auf die ich noch keine endgültige Antwort gefunden habe. Ist 'Spiel' ein Teil der Evolution, wo Möglichkeiten ausprobiert werden? Wie intelligent sind diese Wesen tief unten im Wasser? In dem Zusammenhang habe ich mit Schrecken nicht nur mein Unwissen festgestellt, sondern auch meinen Zweifel und meine Hybris als Mensch, der sich als Herr der Schöpfung hält und die Natur missachtet. So gesehen ist Spielen kein kindlicher Zeitvertreib, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Evolution, der Weiterentwicklung von Lebewesen, der Anpassung an Lebenswelten. Ein faszinierender Gedanke.Doch kommen wir zum Ende - der Rezension und des Buches. Es endet mit einem Paukenschlag, mit einer Überraschung, die mich verwirrt zurückgelassen hat. Mit diesem Wissen müsste ich das Buch eigentlich noch einmal lesen, anders und besser verstehen.FazitIch empfand es als ein ungemein forderndes Buch, nicht nur wegen der angeschnittenen philosophischen Fragen, nicht nur wegen teilweise zu detaillierter Ausführungen, sondern auch wegen der heutzutage üblichen 'modernen' Erzählweise mit Perspektivwechseln und Zeitsprüngen. Man muss das Buch nicht mögen, aber ich muss ihm eine gewisse Genialität zugestehen. Zumindest hat es mich heftig zum Nachdenken gebracht und es wirkt 'im Untergrund' noch weiter.Empfehlen würde ich es nur Lesern, die bereit sind, sich auf alles vorher von mir Geschilderte einzulassen. Einfach und ein Vergnügen ist es größtenteils nicht, aber ich habe es mit Gewinn gelesen.