Indian Horse: Ein erstaunlicher Roman über Trauma, Hockey und die Gewalt der kanadischen Residential Schools.
Ein erstaunlicher Roman. Erzählt wird die Geschichte von Saul Indian Horse, der zunächst bei seiner Familie aufwächst, bis er von kanadischen Behörden aufgegriffen und in eine von der katholischen Kirche betriebene Residential School gebracht wird.Über weite Strecken ist der Roman auch ein Hockeyroman. Obwohl ich Sportromane im Allgemeinen nicht besonders mag, gelingt es Wagamese dennoch, mich mit seinen Schilderungen zu fesseln. Das dürfte vor allem an seiner Sprache liegen: ruhig und klar, zugleich aber sehr bildhaft und rhythmisch. Gerade die Hockeyszenen entfalten einen geradezu gleitenden Erzählfluss. Gleichzeitig spürt man ständig, dass unter der ruhigen Oberfläche Gewalt und Trauma weiterwirken. Saul entflieht der physischen und psychischen Gewalt der Residential School scheinbar durch das Spiel, das ihm ein Pater näher bringt.Doch nichts ist so, wie es zunächst scheint - und genau darin liegt die erzählerische Meisterschaft des Romans. Saul erlebt Ausgrenzung und Rassismus in der Gesellschaft, und diese Gewalt setzt sich auch auf dem Eis fort. Auch der Pater verfolgt weit weniger edle Motive, als anfangs vermutet werden kann.Der Roman macht traurig, aber auch fassungslos. Kanada begann erst seit den 1990er Jahren, die Geschichte der Residential Schools ernsthaft aufzuarbeiten; die katholische Kirche tut sich bis heute schwer damit, ihre Archive vollständig zu öffnen. Einmal mehr ärgere ich mich über den deutschen Titel. Im Original heisst der Roman "Indian Horse" - der Nachname von Saul und zugleich ein zentraler Teil seiner Identität. Der deutsche Titel "Der gefrorene Himmel" wirkt auf mich unnötig pathetisch. Der Originaltitel Indian Horse ist direkter, konkreter und inhaltlich viel stärker mit Saul selbst verbunden. Ich denke, man hätte auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern den Originaltitel zutrauen können.