Es beginnt mit einer Geschichte. Alles beginnt mit einer Geschichte, ja, vielleicht begann das ganze Universum mit einer Geschichte und vielleicht haben wir uns deshalb einen Gott als Erzähler erdacht und vielleicht hat diese Erfindung schon allein deswegen ihre Berechtigung. Von allen Erfindungen der Menschheit ist die der Geschichte wohl am erstaunlichsten, zumindest ist es die einzige Erfindung, die in sich Zeiten und Räume bergen kann, die sonst nicht existieren, Geschehnisse, Möglichkeiten, unmögliche Wesen und erdachte Zukunft. Von dem einen Punkt ausgehend, dass Geschichten möglich sind, hat der Mensch riesige Konstrukte und kleine Märchen, große Sammlungen und einzelne Visionen erschaffen. Und doch ist jede Geschichte wieder etwas Besonderes, Einzigartiges in sich.Vielleicht wäre "Die Schatzinsel" eine der vielen einmal erzählten Geschichten geblieben, die man sich ausdenkt, wenn man Kinder unterhalten und Spannung erzeugen will. Aber Robert Louis Stevenson war ein Schriftsteller und für ihn begann mit einer von ihm gemalten Karte und der nächtlichen Erzählung die Idee eines Romanes, der, für Kinder und Jugendliche gleichermaßen geeignet, zu einem Sinnbild für Abenteuergeschichten, ambivalente Schurken und Helden und einen nie endenden Spannungsbogen werden sollte.Was ist die Schatzinsel? Nur eine Geschichte oder tatsächlich ein Roman? Ist sie dazu geeignet, von Erwachsenen UND von Jugendlichen gelesen zu werden oder spricht sie doch mehr ein junges Publikum an?Es ist oft betont worden, dass Jim Hawkins zu den Charakteren in der Weltliteratur gehört, mit denen man sich am einfachsten (wohlgemerkt nicht unbedingt am besten) identifizieren kann. Daher fühlen sich Kinder und Heranwachsende, die sich gerne in Identität eines mutigen Helden hineinversetzen, um am Abenteuer auch emotionalen Anteil zu haben, eher angesprochen als Erwachsene. Von der Struktur her ist die Schatzinsel aber tatsächlich für jede Altersklasse geeignet.Es gibt keine Liebesgeschichten, was das Buch erfrischend unproblematisch macht, dafür aber jede Menge Wendungen und Unklarheiten, die den Leser bei der Stange halten und das Schicksal jeder einzelnen vorgestellten Person in den Fokus rücken. Es gibt keine Schwerpunkte und die Erzählung richtet ihre Dynamik nach der jeweils vorherrschenden Lage, mal mitten im Geschehen, dann wieder bloß beschreibend.Warum die Schatzinsel lesen? Weil es eine gute Geschichte ist, rundherum. Und, wem das nicht genügt, den kann man vielleicht noch mit der Andeutung dieses ganz bestimmten Gefühls umstimmen: diese Freude, einen Klassiker der Weltliteratur in der Hand zu halten und zu spüren, wie die Prosa einen führt, wie eine der zentralsten Geschichten der Menschheit in einem selbst Gestalt annimmt, mit diesem Detail und das auf so unaufdringliche und doch nachdrückliche Weise, dass man fast von Verzauberung sprechen möchte.Ich würde nicht sagen, dass die Schatzinsel ein Meisterwerk ist. Aber man kann fast nichts anders, als ihrer Spannung, ihren Figuren und ihrer Art eine echte Sympathie entgegenzubringen. Sie nimmt sich Freiheiten und vermeidet hier und da stilistische Finessen und doch hat sie in ihrer Gänze ohne Schaden über 100 Jahre Literaturabenteuer überlebt. Weiterhin kann man in ihr diese ganz eigene Art der klassischen Geschichte finden, wie man sie sich wehmütig als Kindheitserinnerung wünscht; als Erinnerung an Abende der Glückseligkeit inmitten einer abenteuerlichen Erzählung...